BYE BYE LOVE

11. Mai 2020 Aktuelles 0 Kommentare

Nichts erschüttert uns mehr als die Trennung von einem geliebten Menschen. Was aber nicht bedeutet, dass dagegen kein Kraut gewachsen sei. Im Gegenteil.

Von den magischen Momenten, wenn zwei Menschen zueinander finden, können wir nie genug bekommen. Filme, Romane und Theaterstücke versorgen uns mit herzergreifenden Darstellungen dieses besonderen Gefühls, wenn die Liebe unser Herz berührt. Aber was passiert, wenn die Liebe geht, wenn sich zwei Menschen auseinandergelebt haben Bilder wie diese bekommen wir viel seltener zu sehen. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich nun einmal nicht so gut veranschaulichen lassen. Dabei ist eine Trennung für viele Menschen ein tiefgreifendes und schmerzvolles Erlebnis,

das wegzustecken viel Zeit und Unterstützung erfordert. „Eine Trennung erschüttert das Urvertrauen in soziale Bindungen und kann zu Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen führen“, sagt etwa die israelische Soziologin

Eva Illouz, Autorin des vielbeachteten Buchs „Warum Liebe endet“. Man hat es also mit einer einschneidenden Lebenserfahrung zu tun, die viele Menschen zutiefst erschüttert. Was sich auch an den Selbstmordraten ablesen lässt. Diese sind nämlich bei getrennten und geschiedenen Personen doppelt so hoch wie bei jenen, die in einer Partnerschaft leben.

In Österreich gehen die Scheidungsraten in den letzten Jahren zwar leicht zurück, relativ hoch sind sie trotzdem. Im  Jahr 2018 ließen sich 41 Prozent der Paare scheiden, 2007 waren es noch 49, 5 Prozent gewesen. Am gefährlichsten für eine Partnerschaft ist aber nicht das verflixte siebente Jahr, wie der Volksmund behauptet, sondern die Jahre zehn bis 24 nach der Eheschließung mit 38,3 Prozent der Scheidungen. Vorher und nachher liegen die Scheidungsraten bei 24 Prozent. Nach 25 Ehejahren und mehr sinkt die Rate auf 14 Prozent. Auch beim Durchschnittsalter der sich  Trennenden Paare lässt sich ein eindeutiger Trend feststellen: Bei Männern 45,5 Jahre, bei Frauen 42,3 Jahre.

Eva Illouz ist davon überzeugt, dass hohe Scheidungsraten und relativ häufige Partnerwechsel auch etwas mit unserer Konsumgesellschaft zu tun haben. „Der Kapitalismus ist ein Freund der Trennung“, behauptet sie. „Er hat sich in alle Lebensbereiche hineingefressen.“ Man benehme sich dem nächsten gegenüber wie ein Konsument. Erfüllt der Partner noch die eigenen Bedürfnisse? Entspricht er oder sie noch unseren Erwartungen? Unterstützt er oder sie noch unsere eigenen Ziele? Wenn diese Fragen mit nein beantwortet werden, orientiert man sich neu. Dating-Plattformen bieten jederzeit ein großes Angebot an potenziellen Beziehungspartnern. „Sie sind wie Amazon“, sagt die Soziologin durchaus sarkastisch. Ein wichtiger Grund für Trennungen sei aber auch unser Bedürfnis, uns nur noch auf uns selbst zu konzentrieren. Für Illouz ist der Drang nach Selbstverwirklichung eine große Bedrohung für Partnerschaften.

„Die innere Dynamik der Konsumkultur und die Therapie berühren sich in dem Punkt, dass sie das Subjekt – und vor allem Frauen – dazu anhalten, sich auf den eigenen Willen und die eigenen Wünsche zu konzentrieren.“ Gefühle werden also wichtiger als die Familie, Selbstbehauptung und Autonomie stünden im Vordergrund, Sex werde wichtiger als eine erfüllte Liebensbeziehung.
Differenzierter und wohl auch etwas weniger pessimistisch ist die Psychotherapeutin Doris Wolf in ihrer Analyse. „Liebesgefühle sind flüchtige Gefährten“, sagt sie. „Sie benötigen Aufmerksamkeit und Pflege, um dauerhaft zu bleiben.“ Liebesgefühle würden dann entstehen, wenn sich der Partner so verhält, wie es unseren Erwartungen entspricht. Verliebtsein, das wissen wir wohl alle, ist ein Hochgefühl. Man schwebt auf Wolke sieben und hat Schmetterlinge im Bauch. In dieser Phase würde man den Partner idealisieren. Er oder sie kann ganz einfach nichts falsch machen. Wolf ist davon überzeugt, dass Verliebtsein und Liebe zwei ganz unterschiedliche Gefühle sind. Liebe ist, ihrer Meinung nach, ein eher stilles Gefühl. Die Schwächen des Partners hat man erkannt, aber man kzeptiert sie. Man kann damit leben und die Partner haben einen Modus Vivendi gefunden. „Entlieben ist aber ein langer Prozess, der sich über Monate und Jahre hinzieht“, sagt sie.

Ein Grund für eine Trennung kann ganz einfach die Wahl des falschen Partners sein. Nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ entscheiden sich viele Menschen für einen Partner, der ganz anders ist als man selbst. Diese Andersartigkeit fasziniert und zieht an. Aber diese Anziehungskraft kann ins Gegenteil umschlagen, wenn das Anderssein des Partners zur Belastung im Alltag wird und die Vorstellungen vom gemeinsamen Leben in ganz unterschiedliche Richtungen laufen. Wenn die Frau von einem Abenteuer-Urlaub träumt und der Mann seine freien Tage am liebsten bei der Gartenarbeit verbringen will, dann tun sich die ersten Risse im Zusammenleben auf.

Hinzu kommt, dass sich Menschen nun einmal verändern und sich auch die Lebensumstände ändern. Ist die erste Verliebtheit vorbei, dann werden andere Dinge wichtiger. Man will seine Freunde wieder öfter sehen, will mehr Zeit für seine Hobbies haben. Große Einschnitte für eine Partnerschaft gibt es aber auch dann, wenn zum Beispiel die Kinder erwachsen werden und das Haus verlassen. Das sind Lebensphasen, die eine Partnerschaft auf eine schwere

Probe stellen. Die gewohnte Routine fällt weg, die Partner sind auf sich selbst zurückgeworfen.

In dieser Phase zeigt sich oft, wie stabil eine Beziehung tatsächlich ist. Was aber nicht bedeutet, dass die Partner nicht selbst in der Lage wären, gegen das Entlieben anzukämpfen. Paartherapeuten konstatieren, dass Paare in vielen Fällen zu schnell aufgeben würden. „Der Partner ist nicht dazu da, einen selbst glücklich zu machen“, sagt etwa der Wiener Paartherapeut Erwin Jäggle. Ein Fehler, den Paare in schwierigen Situationen oft machen, ist zu resignieren.

„Es hat ohnedies keinen Sinn, mit dir darüber zu reden“, Sätze wie diese sind ebenso gefährlich, wie das ständige Nörgeln über den anderen. „Nicht die Auseinandersetzung ist das Schlimmste – sie lässt sich durch Kompromisse, Einigung und durch eine liebevolle Versöhnung beilegen“, sagen die Paartherapeuten übereinstimmend.

Zumindest dann, wenn das Ziel der Auseinandersetzung nicht der Sieg über den anderen, sondern ein gemeinsam erreichter Fortschritt im Umgang mit einem Problem ist. Deshalb müssten festgefahrene Streitmuster durchbrochen werden. Wie zum Beispiel dann, wenn ein Partner Zweifel an der Treue des anderen hat und Eifersucht zum Problem wird. „Vulnerabilitäts-Stress-Zyklus“, nennen das die Therapeuten.

Aber nicht immer sind es einschneidende Konflikte, die Paare an der Sinnhaftigkeit ihrer Beziehung zweifeln lassen. Auch die Gewohnheit kann Liebenden gefährlich werden. Das tägliche Einerlei, festgefahrene Verhaltensmuster und Langeweile, das kann auch stabilen Beziehungen den Garaus machen. Man glaubt, den anderen durch und durch zu kennen und stellt sich auf ein. Für viele Spezialisten ist das möglicherweise der größte Irrtum in Liebensbeziehungen überhaupt. Denn einen anderen vollkommen zu kennen, wäre nur dann möglich, wenn sich Menschen nicht verändern könnten. Genau darin liegt aber auch die Chance, aus der Krise gestärkt hervorzugehen. „Die Pflege der Partnerschaft wird oft vernachlässigt“, stellt Doris Wolf fest. Auch wenn es schwer ist, zu definieren, was diese Pflege nun tatsächlich bedeutet. „Eine gute Partnerschaft ist ein Team“, sagt Wolf. „Es braucht also gemeinsame Ziele und gemeinsame Vorhaben.“ Das helfe zumindest dann, wenn die Beziehung nicht durch einen Dritten in Frage gestellt wird. Also wenn sich ein Partner nicht hoffnungslos in jemanden anderen verliebt hat. Eines ist jedenfalls klar. Es

gibt kaum etwas Quälenderes, als das Ende einer Liebe zu erleben. Schuldgefühle, Hass und Wut, aber auch fruchtlose Versuche den Partner zu halten, können das Leben vergiften. Dann ist es besser, man steht zu den eigenen Gefühlen und spricht den Satz aus, den wir alle wohl mehr als alles andere fürchten: „Ich liebe dich nicht mehr.“

 

Text: Barbara Hoheneder
Fotos: Unsplash / Shutterstock