Der Plan B der Kultur

3. August 2020 Aktuelles 0 Kommentare

Künstler und Kulturschaffende steht eine unsichere Herbstsaison bevor. Mit digitalen Angeboten und innovativen Lösungen versuchen Theater und Festivals der Krise zu trotzen. Aber die Angst vor einer zweiten Corona-Welle bleibt.

Manfred Koch von der Grazer Kleinkunstbühne Hin&Wider im Theatercafé freut sich sehr, dass es weiter geht.
„Der ganze Herbst ist durchgeplant“, sagt er. „Wir warten mit scharrenden Hufen, dass es endlich wieder losgeht.“
Und wohl auch darauf, dass nach Monaten der Zwangspause wieder so etwas wie Normalität einkehrt. Seit 1983 ist die Kleinkunstbühne Hin&Wider eine der wichtigsten im deutschsprachigen Raum. Kabarettgrößen wie Otto Grünmandl und Josef Hader sind hier ebenso aufgetreten wie Sandra Kreisler und Karl Merkatz. Wenn die Kleinkunstbühne Hin&Wider am 3. September mit dem Grazer Schauspieler und Kabarettist Gregor Seberg wiedereröffnet, dann gelten auch in der traditionsreichen Institution besondere Regeln. Von den 100 Sitzplätzen wird Koch nur 70 Plätze vergeben und das nur, wenn die Besucher vorher reserviert haben. Ganz einfach deshalb, weil so im Falle einer COVID-19-Infektion das Contact-Tracing funktioniert. „Das ist natürlich finanziell ein Problem“, sagt Koch. „Die geringeren Einnahmen treffen nicht nur uns als Veranstalter, sondern auch die Künstler, die ja auf Eintrittsbasis spielen.“ Absagen aufgrund geringerer Gagen hat Koch trotzdem nicht bekommen. „Hauptsache, wir können spielen, sagen alle.“

Für Arrivierte wie Seberg mögen die kleineren Gagen zu verkraften sein, für junge aufstrebende Künstler schon weniger, gibt Koch zu bedenken. Vor allem dann, wenn die Jungen an Orten spielten, an denen es keine Infrastruktur wie Ton- und Lichttechnik gibt. „Das ist dann besonders schwierig, weil die Gagen der Techniker auch noch dazu kommen.“

Das Theatercafé hat den Lockdown einigermaßen gut verkraftet. Auch deshalb, weil diese Grazer Institution von der Stadt gefördert wird und die Kurzarbeitsregelung der Bundesregierung dabei geholfen hat, das Personal zu halten. Mit dem Krisenmanagement der türkis-grünen Regierung ist Koch dennoch nicht zufrieden. „Es war schon erschreckend, wie wenig Aufmerksamkeit Kunst und Kultur in der Corona-Krise bekamen“, kritisiert er. „Dabei präsentiert sich Österreich in der Tourismuswerbung so gerne als Kulturnation.“ Wie viele in seiner Branche wünscht sich auch Koch eine Aufwertung der Kulturagenden durch die Schaffung eines eigenen Ministeriums. „Man hat den Eindruck, dass dieser Bereich halt nicht so wichtig ist.“ Dass die Neue im Staatssekretariat, Andrea Mayer, daran etwas ändern wird, davon ist Koch jedenfalls überzeugt. „Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, Ulrike Lunacek, kennt sie den Kunst- und Kulturbetrieb sehr gut. Sie ist bestens vernetzt“, erklärt er.

Dass Kreativität und Mut für viele Kulturschaffende und Veranstalter in der Corona-Krise das Um und Auf ist, das beweist auch der steirische herbst. Das Festival wird am 24. September eröffnet, allerdings ganz anders als das Publikum es gewohnt ist. Festival-Leiterin Ekaterina Degot setzt dabei ganz auf Digitalisierung: Unter dem Titel „Paranoia TV“ wird sich das Festival mit Themen wie Angst und Unsicherheit auseinandersetzen, mit den Eingriffen in Grundrechte und Alltag der Menschen ebenso wie mit der Rückkehr zur sogenannten Normalität. „Gerade jetzt ist utopisches Denken notwendig“, sagt die Kuratorin. Die feministische Aktivistin und Professorin für politische Philosophie Silvia Federici und Alexander Neupert-Doppler wurden zum Thema „Es könnte anders sein – Konferenz für Praktische Kritik – Utopie“ eingeladen. Gehen soll es unter anderem auch um eine neue Beziehung zwischen Mensch und Tier und um eine Welt ohneRassismus. Mit „Paranoia TV“ erfindet sich der steirische herbst ironisch als „Medienkonzern“ als „Kanal für das Unheimliche und Beunruhigende“. Künstlerisch-kritisch will man sich mit der globalen Pandemie auseinandersetzten. Zwischen dem 24. September und dem 18. Oktober sendet Paranoia TV auf der Website des steirischen herbst und strahlt Talkshows, Fernsehserien, Diskussionsrunden und Live-Gespräche aus. „Einige Interventionen könnten sich zu physischen Interventionen auf den Straßen von Graz und der Steiermark ausweiten, während reale Ereignisse und Performances ihren Weg in Live-Übertragungen und Nachrichtenberichte finden“, heißt es in der Ankündigung. Eine eigene App soll dem Publikum den Zugang zum Sender erleichtern. „Experimentell, spielerisch und humorvoll“ soll das Programm werden, das Ekaterina Degot am Ende des Sommers präsentieren wird.

Voller Optimismus ist man im Schauspielhaus, dass im Herbst wieder ohne Publikumsbeschränkungen gespielt werden kann. Denn auch für das Grazer Theater, das vor dem Lockdown die beachtliche Auslastung von 92 Prozent erreicht hatte, war mit Mitte März plötzlich alles anders. „Der Spielplan für die neue Saison war fertig geplant“, sagt Intendantin Iris Laufenberg. „In der Zwischenzeit haben wir alles überarbeitet.

Wir setzen jetzt auf eine flexible Planung.“ Im Haus Eins gibt es im Herbst Klassiker wie Shakespeare’s Macbeth“ oder Goethes „Reineke Fuchs“, ein Drama über Mode von Elfriede Jelinek und eine Bühnenbearbeitung des „Großen Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald.

Eröffnen wird Laufenberg die neue Saison mit Thomas Köcks „dritte republik (eine vermessung). teil drei der ronlandsaga“. „Im Haus Eins werden wir verschiedene Aspekte von Staat hinterfragen“, sagt Dramaturgin Karla Mäder. Ein Thema, das auch im „Reineke Fuchs“ eine zentrale Rolle spielt und in dem Goethe ein „völlig rottetes Staatswesen schildert“.

Wer nicht bis zum Herbst auf Theater verzichten will, der kann zeitgenössisches Drama auch digital genießen. Über die Website des Hauses, aber auch über YouTube, Facebook und Instagram. Unter #bestofschauspielhaus sind Paulus Hochgatterers „Böhm“, „Bookpink“ von Caren Jeß und „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand zu sehen. Einen Vorgeschmack bietet jedenfalls auch der Hashtag #dramazuhause, in dem Mitglieder des Ensembles aus dem Homeoffice Videos mit kurzen Texten und Szenen der Stücke aus dem Spielplan kreativ interpretieren.

Der Vorverkauf für den Herbst hat im Juli begonnen. Für September können Theaterfreunde vorerst allerdings nur reservieren. Im Schauspielhaus hofft man aber, dass eine volle Besetzung möglich sein wird. Diese Hoffnung bringt auch Bernhard Rinner, Geschäftsführer der Bühnen Graz, zum Ausdruck: „Wir planen mit großer Verantwortung das Programm für den Herbst“, sagt er. Man sei „vorsichtig optimistisch und voller Freude. „Über allem steht dabei die Hoffnung, dass wir spielfähig bleiben, um ab September wieder ein Grundbedürfnis unseres Publikums erfüllen zu können, nämlich Bühne live zu erleben.“
Das bedeute, alle Sicherheitsvorkehrungen bestmöglich zu treffen: „Wir möchten doch nicht das ‚Ischgl‘ der Steiermark werden“, betont Rinner. Oder wie es die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, ausdrückte: „Wir brauchen halt Glück.“ Nicht nur für das 100. Jubiläum der Festspiele, sondern auch für alle anderen Kunstschaffenden des Landes.