Seit ihrer Kindheit begleitet Andrea Ravai die Leidenschaft für Mode. Vor sechs Monaten eröffnete sie am Joanneumring 8 in Graz die Boutique RAVAI. Dort findet Frau ein umfangreiches wie exklusives modisches Angebot. Dynamisch, sportlich und elegant. Und eine Frau, die diese Eigenschaften lebt.

Schuhmacher und Bluse von Missoni. Dahinter die „Männercouch“, die Paaren ein gemeinsames Einkaufserlebnis bietet.
GRAZETTA • Du hast die Boutique im Oktober des Vorjahres eröffnet. Was hat Dich motiviert, diesen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?
ANDREA RAVAI • Es war schon immer mein Wunsch, ein eigenes Geschäft in Graz zu betreiben. Mit meiner Boutique RAVAI ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Letztlich waren es meine bisherigen Kundinnen, die mich motiviert haben, diesen Schritt zu wagen. Ich wollte etwas Einzigartiges in Graz schaffen, das es in der Form noch nicht gibt. Eine Wohlfühloase für alle Frauen, in der sie in aller Ruhe hochwertige Mode erleben, spüren und ausprobieren können. Ganz entspannt bei einem Glas Prosecco und einem Brötchen. Ein Einkaufserlebnis, das online am Tablet zu Hause auf der Couch nicht möglich ist.
Gab es den einen speziellen Moment in Deinem Leben, an dem Du wusstest, dass Du mit Mode arbeiten willst?
AR • Meine Mutter hat mich dahingehend sehr geprägt. Sie hat für meine Geschwister und mich unsere Bekleidung genäht und geschneidert. Wir drei Mädels waren immer sehr gut angezogen. Nach der Modeschule wollte ich dann auch gleich in die Modeszene und wurde bei Knilli vorstellig. Das Gefühl für Kunden, Mode und die damit verbundene Etikette war mein steter Begleiter. Das ist bis heute hängen geblieben. Daraus hat sich auch ein ganzheitliches Bild aus Kleidung, Kosmetik, Schuhen ergeben. Kommt jemand in die Boutique, erkenne ich schnell, um welchen Typ es sich bei der Dame handelt, welche Größe sie hat und welchen Stil sie bevorzugt. Das ist sicher eine Gabe, hat aber auch viel mit Erfahrung zu tun.
Früher gab es Schneider, die hochwertige Kleidung verkauften und ihren Kunden sagten, was ihnen steht. Heute müssen die Menschen alle Details über Kleidung selbst herausfinden. Hat deshalb die Beratung in der Boutique für Dich einen so hohen Stellenwert?
AR • Mode ist auch eine Art von Beziehung. Die Trägerin hat zu dem Kleidungsstück eine emotionale Bindung. Sie stellt sich vor, wie sie darin aussieht, zu welchem Anlass sie es tragen wird und wie es sich anfühlt. Diese Emotionalität ist wichtig. Es ist eine wunderbare Aufgabe, Frauen auf diesem Weg begleiten zu dürfen. Ich kenne die Garderobe von meinen Stammkundinnen, deshalb kann ich sie sehr zielgerichtet beraten. Gleichzeitig präsentiere ich neue Einflüsse und Stilrichtungen, die das modische Repertoire der Kundin erweitern. Das Schöne an der Mode ist, dass sie vielfältig ist. Für mich war von Anfang an wichtig, die Balance zwischen Stil, Design, Exklusivität und Authentizität zu finden. Ein Mix, der anzieht. Bei uns ist für jede Frau etwas dabei.

Johannes Tratz: „Bei all dem Enthusiasmus war von Beginn
an auch der klare Blick auf die unternehmerische Seite
vorhanden.“ Der Finanzexperte
agiert als Geschäftsführer
der Boutique RAVAI
im Hintergrund.
Was waren die Beweggründe, mit der Boutique mitten in die Innenstadt zu gehen?
JOHANNES TRATZ • Die Grazer Innenstadt ist wunderschön, zudem hat Andrea eine emotionale Bindung an diesen Standort, weil sie hier viele Jahre tätig war. Überdies war der Bedarf von Kundenseite da. Dies war die Motivation, den Schritt zu wagen. Bei all dem Enthusiasmus war von Beginn an auch der klare Blick auf die un ternehmerische Seite vorhanden. Natürlich ist die Entscheidung, in der Innenstadt ein Geschäft zu eröffnen, schon seit längerem riskant. Wir haben Kunden aus den steirischen Bezirken, aber auch aus Kärnten und Wien, die es sich aufgrund der Verkehrssituation der letzten beiden Jahre und der vielen negativen Schlagzeilen überlegen, ob sie in die Stadt kommen. Graz bietet sehr viel Qualität – das gehört kommuniziert. Die Erreichbarkeit wird auch künftig ein wesentlicher Faktor bleiben. Laut einer Studie von Handelsberater Martin Berghofer gibt der Kunde, der mit dem Auto in die Stadt fährt, um 30 Prozent mehr aus als jener, der den öffentlichen Verkehr nutzt. Mein Appell lautet daher: Es muss jeder Mensch in Graz willkommen sein, egal ob er mit dem Fahrrad, mit den Öffis oder mit dem Auto kommt. Denn gerade der Modehandel ist stark von Emotionen geprägt und die persönliche Beziehung zum Kunden ein extrem wichtiger und vor allem nachhaltiger Faktor.
Wie kann man diesen Herausforderungen begegnen?
JT • Wir bieten neben einem Zustellservice auch Private Shopping nach Vereinbarung außerhalb der Geschäftszeiten an. Ergänzend zu unserer umfassenden persönlichen Beratung haben wir seit zwei Monaten eine Boutique-App installiert und sind damit Vorreiter im Grazer Modehandel. Durch die App können wir mit den Kunden online interagieren. Unsere Kundinnen profitieren durch die Nutzung unserer RAVAI-App von exklusiven Aktionen sowie Informationen über die neuesten Kollektionen. Das kann die Emotion und den Wohlfühlcharakter eines Besuchs in der Boutique aber nicht ersetzen. Mit unserer „Männercouch“, die auf einen Espresso oder ein Bier einlädt, wollen wir Paaren ein gemeinsames Einkaufserlebnis bieten. Unser Herzblut und unser Engagement stoßen jedoch manchmal auf Grenzen. Es wäre wünschenswert, wenn die Verantwortlichen der Stadt hinterfragen würden, weshalb es in Graz im letzten Jahr einen Frequenzrückgang von einer Million Besuchern gab. Viele Kundinnen erzählen uns, dass sie sich wieder einen lebendigen Branchenmix wünschen. Das macht eine lebenswerte Altstadt aus. Denn Fakt ist auch, dass wir keinen Tourismus wie in Salzburg oder Wien haben. Insofern muss der Fokus auf den Tagesbesucher und den Einheimischen gerichtet werden. Letztendlich soll jeder mit einem guten Gefühl in die tolle Grazer Innenstadt kommen und sie mit einem noch besseren wieder verlassen.
Unsere Kundinnen sind über die Trends der Modehäuser bestens informiert und haben den Anspruch auf Aktualität.
ANDREA RAVAI
AR • Und dazu möchten wir mit unserer Boutique einen kleinen Beitrag leisten, indem wir bewusst versuchen, mehr zu liefern, als unsere Kundinnen erwarten. Wir hatten im Dezember beispielsweise den Künstler Tom Lohner mit einer Live-Performance in der Boutique und veranstalten im Frühjahr eine Modenschau in der Innenstadt. Demnächst werden wir im Innenhof auch eine gemütliche Sitzgelegenheit eröffnen.
Dieses „Mehr“ heißt bei RAVAI auch, dass neueste Modetrends aus Paris oder Mailand auf Kundenwunsch gesondert geordert werden. Haben die traditionellen Modemetropolen nach wie vor großen Einfluss?
AR • Definitiv. Die Showrooms der großen Designer finden sich nach wie vor in Paris oder in Mailand. Um am Puls der Mode zu sein, muss man für den Einkauf der Kollektionen dort hin. Unsere Kundinnen sind über die Trends der Modehäuser bestens informiert und haben den Anspruch auf Aktualität. Diesem Anspruch werden wir mit unserem Angebot gerecht.
Hosenanzüge aus den 1980er-Jahren, oder Leo-Prints. Kommen gewisse Modeerscheinungen immer wieder?
AR • Bei den Hosen dominieren zwar noch immer breitere Modelle, der Trend geht aber wieder zu engeren Schnitten. Alle, die über 40 sind, haben vermutlich schon zehn Leo-Zyklen mitgemacht, mit Marinestreifen, Blumen, Jeans oder Neon kombiniert. Animal-Prints sind auch in diesem Jahr wieder angesagt und durch das dänische Label Ganni bei uns vertreten.
Viele Designer kombinieren etwa Gelb mit Pastellrosa. Sind die Kollektionen für den Sommer wieder besonders farbenfroh?
AR • Farben sind immer ein Thema. Meiner Meinung nach kann viel kombiniert werden und auch vieles getragen werden. Voraussetzung ist immer, dass ich mich wohlfühle. In der Herbstkollektion von Dorothee Schuhmacher dominieren etwa die Farben von Schokolade, Burgund und Beeren. Auch die Mode von Victoria Beckham ist in Schoko- und Burgundtönen gehalten. Ab Mai wird ihre Kollektion bei uns erhältlich sein.


Aufgrund ihrer langjährigen
Erfahrung im Einkauf von
Mode ist Andrea Ravai
(in einem Kleid von
alberto biani) gewissen
Marken treu geblieben
und hält ihr Sortiment
hochwertig, aber nicht
hochpreisig.

Victoria Beckham ist durch die aktuelle Netflix-Doku wieder in aller Munde. Sie hat vermutlich mit ihrer Kollektion nicht um die Ecke gewartet. Wie ist dieser Neuzugang gelungen?
AR • Wir haben für die Kollektion schwer verhandeln müssen. Es ist vergleichbar mit einer Bewerbung, bei der sämtliche Rahmenbedingungen von der Infrastruktur über das Markenportfolio bis hin zum wirtschaftlichen Status geprüft werden. Bei der Marke Golden Goose war es derselbe Prozess. Gewisse Labels kommen nicht nach Graz, aber unsere Maxime war es immer, dass wir gehobene Designer in die Innenstadt und vor allem zu unseren Kundinnen bringen. Dabei geht die modische Exklusivität einher mit individuellen Dienstleistungen wie einer Maßschneiderei, die bei Bedarf innerhalb von zwei Stunden Änderungen vornimmt.
In der Boutique RAVAI findet Frau auch die Kollektionen von Akris, Dorothee Schuhmacher, Staud, Page, Missoni, Max Mara oder Golden Goose. Welche Kriterien waren für die Markenauswahl entscheidend?
AR • Bevor ich mich mit der Boutique selbstständig gemacht habe, war ich über Jahre hinweg für den Einkauf der Marken bei Knilli verantwortlich. Aufgrund dieser Erfahrung wollte ich gewissen Marken treu bleiben und Kundinnen ein hochwertiges, aber nicht hochpreisiges Sortiment anbieten. Es soll niemand Scheu haben, in die Boutique zu kommen. Dieser vorher angesprochene Markenmix ist jung, dynamisch und feminin. Insofern spielt Alter in der Boutique keine Rolle. Einige Kundinnen sind sehr modeaffin und wissen seit Jahrzehnten genau, was sie wollen und finden es hier. Ein jüngeres Publikum lässt sich gerne beraten und findet hier seinen eigenen Stil.
Das Gefühl für Kunden, Mode und die damit verbundene Etikette war mein steter Begleiter. Das ist bis heute hängen geblieben.
ANDREA RAVAI
Einer der bekanntesten Modekritiker der Welt, Derek Guy, sagte einmal: „Mir ist immer schon aufgefallen, dass sich Frauen aus irgendeinem Grund besser kleiden als Männer.“ Er habe noch nie eine Frau gesehen, die eine Anzugjacke trägt, bei der die Ärmel viel zu lang sind. Hat er Recht?
AR • Die Aussage von Derek Guy stimmt schon bis zu einem gewissen Grad. Weil Frauen nicht nur viel präziser bei der Modeauswahl sind, sie sind auch spannender. Sie machen sich viel mehr Gedanken und sind zielorientiert beim Finden und Abstimmen. Natürlich gibt es auch modeaffine Männer, bei denen alles zusammenpasst und der Anzug bis ins Detail sitzt. Aber Frauen sind in der Regel besser gekleidet.
Herrenmode ist für Dich also kein Thema?
AR • Ich will es nicht ganz ausschließen. Vielleicht wird es einmal ein kleines feines Sortiment geben. Eine Männercouch haben wir ja schon.
Wie würdest Du Deinen Typ und Deinen Modestil beschreiben?
AR • Stillstand ist für mich ganz schrecklich. Ich brauche Bewegung, Dynamik und Weiterentwicklung. So kaufe ich ein, so sehe ich auch die Mode. Das Resultat ist daher eine Kombination aus dynamisch-sportlicher, aber auch eleganter Mode.
Vom Designer Giorgio Armani stammt das Zitat: „Mit einem schwarzen T-Shirt ist ein Mann immer angezogen.“ Welches Kleidungsfundament würdest Du Frauen ans Herz legen?
AR • Jeans, eine weiße Bluse und einen coolen Blazer, dazu High Heels. Damit kann man fast überall hingehen. Außer in die Oper. Prinzipiell können sich die Grazerinnen aber durchaus mehr zutrauen und mehr modischen Mut beweisen.

Fotos: Benjamin Gasser