Es war ein Sommer, wie es ihn noch nie gegeben hat. Was die extremen Temperaturen für den Weinbau in der Steiermark bedeuten und welchen Beitrag die Forschung zum Erhalt typisch steirischer Weine leisten kann, darüber hat GRAZETTA mit Winzern und Weinbau-Experten gesprochen.
Ein wenig Stress tut dem Wein ja gut“, sagt Christian Philipp, Aromaexperte am Bundesamt für Wein und Obstbau in Klosterneuburg. „Aber in diesem Jahr sind mehrere Stressfaktoren zusammengekommen: Wassermangel, extreme Temperaturen und intensive Sonneneinstrahlung. Und das hat dieses Jahr für Winzer extrem schwierig gemacht.“
Dass dieser Sommer anders war, bestätigt auch Fabian Bayr vom Weingut Trapl im weststeirischen St. Stefan ob Stainz. „Die Trauben sind heuer kleiner als in anderen Jahren. Normalerweise bekommt man von einem Kilogramm Trauben zwischen 600 und 700 Milliliter Saft. Heuer werden es 500 Milliliter sein. Die Ausbeute ist ein Problem.“

„Geringere Erntemengen.“
FABIAN BAYR
Winzer in der Weststeiermark
Bayrs Kollege in Ehrenhausen, Reinhold Gallunder von Wein & Wohl Gallunder, lebt, seit er denken kann, auf seinem Hof. „Ich sehe, wie sich das Mikroklima in meinem Weingarten verändert“, betont er. „Es gibt keine Phasen des Übergangs zwischen den Jahreszeiten mehr. Wenn es von einem Tag auf den anderen so heiß wird wie heuer im Juni, dann erlebt die Natur einen richtigen Schock.“ Er ist froh, dass seine alten Reben das besser aushalten als jüngere Kulturen.
Stefan Krispel führt ein Weingut und eine Wollschweinzucht in Straden im Vulkanland. Er spricht von kürzer werdenden Vegetationszeiten, also von der Zeit von der Blüte bis zur reifen Traube. „Da geht es um Unterschiede von rund zehn Tagen.“ Bei ihm ist nicht die Trockenheit das Problem, sondern heftige nächtliche Regenfälle. „Wenn es dann tagsüber 40 Grad hat, dann reifen die Trauben extrem schnell. Wir müssen dann schnell ernten, damit wir die Trauben unversehrt rechtzeitig in den Keller bringen.“

„Mit steigenden Temperaturen
bekommen wir es mit einem
Übermaß an Reife zu tun.“
STEFAN POTZINGER
Wein Steiermark Obmann
Dass der Sommer 2026 wohl ein vorläufiger Höhepunkt einer Klimaveränderung ist, die schon vor Jahrzehnten eingesetzt hat, vermutet Stefan Potzinger, Obmann von Wein Steiermark. Er erinnert sich, Ende der 1980er Jahre mit seinem Vater über seine Ausbildung gesprochen zu haben: „Das Wetter ist so schleißig, mein Vater hat damit das Klima gemeint, ich weiß nicht, ob du die Weinbauschule machen sollst. Denn das Geschäft ist schon sehr unsicher.“ Gemeint hat Potzingers Vater allerdings nicht hohe, sondern niedrige Temperaturen.
Was er in Sachen Qualität der Trauben beschreibt, klingt ein wenig nach Luxusproblem: „Mit den steigenden Temperaturen bekommen wir es mit einem Übermaß an Reife bei den Trauben zu tun. Das ist wie in der Formel 1: Man hat immer stärkere Autos gebaut, und irgendwann waren die Autos so leistungsstark, dass man sie beinahe nicht mehr fahren konnte. Beim Wein ist das ähnlich.“ Mit diesen Hochleistungstrauben umgehen zu können, darauf müsse man sich jetzt einstellen. „Wir müssen nicht mehr bis November warten, bis die Trauben reif sind“, sagt Wein-Steiermark Obmann Potzinger.
„Kreuzungen für Widerstandsfähigkeit gegen Pilzbefall und Trockenheit.“
WOLFGANG RENNER
Weinbaureferent an der Versuchsstation des Landes


Astrid Forneck leitet das Institut für Wein- und Obstbau an der Universität für Bodenkultur in Wien: Die Wissenschaftlerin erforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf den Weinbau. Potzingers Optimismus relativiert sie: „Weil die Trauben aufgrund der Hitze schneller reifen, fehlen die Aromen, die die Rebe erst dann bildet, wenn es wieder kühler wird.“ Wenn sich die Rebe gegen den Hitzestress wehren muss, geht das auf Kosten der typischen Aromen. Die sind aber der Grund dafür, warum wir in den sogenannten Cool Climate Regionen, zu denen die österreichischen Weinbaugebiete gehören, so tolle Weine machen.“ Was die längerfristigen Konsequenzen von Trockenheit und Hitzestress sein werden, könne man noch gar nicht abschätzen. Klar sei, dass der vergangene Sommer für Winzer in manchen Regionen existenzbedrohend gewesen ist.
Der Aromaexperte und Weinbauer Christian Philipp sieht vor allem ein Problem für den Grünen Veltliner, der wichtigsten Sorte des Weinviertels. „Dieser Wein lebt von seiner Würzigkeit, vom Aromastoff Rotundon, der es besonders gern feucht und kühl mag.“

„Zu große Hitze geht auf
Kosten der Aromen im Wein.“
ASTRID FORNECK
Weinbauexpertin der Boku in Wien
Liebhaber der wichtigsten steirischen Sorte, dem Sauvignon Blanc, kann Philipp beruhigen: „Diese Rebsorte kommt mit steigenden Temperaturen recht gut zurecht. Aber auch der Sauvignon verändert sich mit dem Klimawandel.“ Von den beiden Typen, dem „grünen“ Sauvignon mit seinen Aromen von grünem Paprika und dem nach tropischen Früchten schmeckenden, werde nur letzterer übrigbleiben. „Man wird keinen ‚grünen Sauvignon‘ mehr keltern können“, ist Philipp überzeugt.
Wenn es darum geht, den eigenen Weinberg klimafitter zu machen, sind sich Winzer und Wissenschaftler einig: Den Trauben so viel Schatten wie möglich bieten, die Bodenqualität durch Humusaufbau verbessern und das Gras zwischen den Reben stehen lassen.
Stefan Krispel wirtschaftet auf seinen Lagen im Vulkanland biologisch. Der Klimawandel war der Grund für die Umstellung auf Bio vor sechs Jahren. Auch wenn der Arbeitsaufwand seither deutlich größer geworden ist, ist Krispel von den Vorteilen der Kreislaufwirtschaft — er düngt mit dem Stallmist seiner Wollschweine — überzeugt: „Unsere Erträge sind deutlich besser als im österreichischen Durchschnitt.“


„Die Vegetationszeiten werden kürzer.“
STEFAN KRISPEL
Vulkandland-Winzer
Immer mehr Arbeit investieren die Winzer auch in das sogenannte Blattmanagement. Hat man früher viele Blätter entfernt, lässt man sie heute stehen, weil sie die Trauben vor der Sonne schützen. Viele Winzer spannen Hagelnetzte auf, sie sorgen für zusätzlichen Schatten. Auch das Gras zwischen den Reben kühlt die Trauben. Aber ganz so einfach, wie das klingt, ist das nicht. Denn je feuchter das Klima im Weingarten, umso größer ist das Risiko einer Pilzerkrankung. Da braucht es Erfahrung und viel Wissen um Standort und Rebe, um die richtige Balance zu finden.
Was mit der Erderwärmung aber auch einhergeht, ist das vermehrte Auftreten der Amerikanischen Rebzikade. Dieses Insekt überträgt die gefürchtete Goldgelbe Vergilbung. Befallene Reben müssen ausnahmslos gerodet werden, im schlimmsten Fall der gesamte Weinberg. Derzeit ist dieser Schädling in erster Linie im Vulkanland ein Problem. Stefan Krispels Lagen sind an der Grenze zum Befallsgebiet. „Wir müssen unsere Reben ständig absuchen. Das ist sehr viel Arbeit. Man kann präventiv einiges machen und mit Ölen und Kaolinerde die Zikaden vergrämen.“
„Die Natur erlebt einen richtigen Schock.“
REINHOLD GALLUNDER
Südsteiermark-Winzer

In der Versuchsstation für Obst- und Weinbau Haidegg bei Graz forscht Wolfgang Renner an Rebsorten, die unempfindlicher für Pilzbefall und Klimawandel sind. Die Forschungsstation ist eine Einrichtung des Landes mit zwei Weingärten im weststeirischen Hitzendorf und in Leutschach an der Weinstraße. Viel versprechen sich Winzer inzwischen von sogenannten PIWIs, also von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. „Immer dann, wenn die Monate Mai und Juni sehr feucht sind, haben wir große Probleme mit Pilzkrankheiten“, erklärt Weinbaureferent Renner. „PIWIs sind Kreuzungen europäischer mit amerikanischen Sorten. Im Gegensatz zu den europäischen Sorten haben die amerikanischen über die Jahrtausende eine Widerstandsfähigkeit gegen Pilze, aber auch gegen die Reblaus entwickelt“, erklärt Renner. „Die Kreuzung kombiniert Widerstandsfähigkeit der amerikanischen mit der hohen Qualität europäischer Reben.“ Eine dieser neuen Sorten, der Souvignon Gris, sei in der Steiermark inzwischen sehr erfolgreich.

„Auch der Sauvignon verändert
sich mit dem Klima.“
CHRISTIAN PHILIPP
Aromaexperte und Weinbauer
Geforscht wird in Haidegg aber auch an Sorten, die die Hitze besser vertragen können. Wie man dabei vorgeht, erklärt Wolfgang Renner so: „Wir prüfen seit 30 Jahren verschiedene Unterlagssorten, das sind Reben mit sehr tief reichenden Wurzeln, die auch auf steinigen und trockenen Böden Nährstoffe finden.“ Auf diese Unterlagsrebe wird eine andere Rebe aufgepfropft, wie man es mit Edelreisen auch bei Obstbäumen macht. Mit der richtigen Kombination könne man Reben sehr gut auf Trockenheit einstellen und auf Bewässerung verzichten, ohne dass der Sauvignon seine Typizität verliert. „Diese Methode ist ein sehr wichtiges Werkzeug, auf das man in der Weinbaupraxis in Zukunft mehr achten wird müssen“, betont Renner. „Das wird leider noch immer vernachlässigt.“
Fotos: Benjamin Gasser, Land Steiermark/Hanschitz, privat, Boku Wien






