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Alpine Moden

Dirndl und Lederhosen, Janker und Steireranzug, die Kleidung der städtischen Sommerfrischler ist beliebter denn je. GRAZETTA hat mit Volkskundlern über die widersprüchliche Geschichte dieser Mode gesprochen.

Vintage-Kleidung vom Heimatwerk: Das Semriacher Dirndl.

Schneiderhandwerk im Heimatwerk: 300 dokumentierte Dirndl-Modelle.

„A la Tyrolienne“ hießen die luftigen Baumwollkleider, die sich betuchte Wienerinnen rund um die Jahrhundertwende von ihren Schneiderinnen machen ließen. Ausgestattet mit diesen, der Arbeitskleidung der Mägde nachempfundenen Kleidern reisten die Damen zur Sommerfrische ins Salzkammergut oder auf den Semmering. Ihre dem Reiz des Landlebens zugetanen Männer trugen Lederhosen und deftige Janker.

„In Österreich tauchen um 1895 in den Modezeitschriften vermehrt Vorschläge für Dirndlkleider auf“, schreibt die Südtiroler Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer in ihrem Buch „Tracht, Macht, Politik“. „Die Mode gebar das Dirndl, die Technik des Baumwolldrucks war die Hebamme dazu.“ Tatsächlich ist das Dirndl ein Kind der Industrialisierung. In den Krämerläden am Land gab es plötzlich kostengünstige und farbenfrohe Baumwollstoffe zu kaufen, mit denen man Kleider und Hemden nähen konnte. Grobes Leinen und schwere Wollstoffe hatten ausgedient. „Die eigentliche Tracht war zur Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts beinahe ausgestorben“, sagt Simon Koiner-Graupp, Geschäftsführer der Volkskultur Steiermark. Wenn er von Tracht spricht, dann meint er bäuerliche Gewänder, die die Landbevölkerung an hohen Festtagen getragen und in der Regel selbst aus ihnen zugänglichen Materialien hergestellt hat.

Aus der unbequemen, schweren bäuerlichen Kleidung machten Städter Dirndl und Steireranzug. Zwei Habsburger spielten für die Ausstaffierung der Männer eine tragende Rolle: Kaiser Franz Josef trug auf seinen Jagdausflügen in Bad Ischl das Gewand seiner Jäger; Erzherzog Johanns graue Jacke mit den grünen Aufschlägen legte den Grundstein für den Steireranzug. „Ohne Beschreibungen von Erzherzog würde es die steirische Tracht heute so nicht mehr geben“, räumt Koiner-Graupp ein.

Einen weiteren wesentlichen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem ländlichen Kleidungsstil hat das liberale, jüdische Bürgertum geleistet. Konrad Mautner, Sohn eines jüdischen Wiener Textilunternehmers, war der erste Sammler traditioneller Ausseer Trachten und Ausseer Lieder. „Mautners Leistung kann nicht genug gewürdigt werden“, sagt Wallnöfer über ihn. Gemeinsam mit Viktor Ritter von Geramb legte er den Grundstein für eine Sammlung traditioneller Kleidung, die heute im von Geramb gegründeten Volkskundemuseum in Graz zu sehen ist. „Ein Motiv für die Sammlertätigkeit war die Angst, dass mit der Industrialisierung Traditionen verlorengehen könnten“, so erklärt Martina Edler, Sammlungskuratorin im Grazer Volkskundemuseum, die Motive dieser ersten Volkskundler. Mit der Verlustangst einhergegangen sei aber auch eine Kodifizierung, die Unterscheidung zwischen dem was als „echt“ ist und dem was als „unecht“ angesehen wurde. Bürgerliche Vereine, wie die Grazer Oberlandler, traten an, um vorgeblich unverfälschte Trachten wiederzubeleben.

„Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der ersten Erneuerungsbewegung“, sagt Kuratorin Edler.

In Bayern eröffnen die Gebrüder Wallach im Jahr 1900 das erste „Fachgeschäft für Landestrachten“ in München. Auch die Ausstattung von Operetten wie „Das weiße Rössl am Wolfgangsee“ geht auf das Konto der beiden jüdischen Geschäftsleute. „Es waren Weltbürger mit ihrer kosmopolitischen Art, die mit Sinn für den Charme von ländlicher Kultur diese erst gesellschaftsfähig machten“, schreibt Wallnöfer.

In Salzburg stattete das Sportgeschäft Mahler & Lanz die elegante Gesellschaft, die jeden Sommer zu den Fest-spielen anreiste, mit Dirndln und Trachtenjanker aus. Marlene Dietrich und andere Stars der Zeit ließen sich in Salzburg gerne in alpenländischer Montur fotografieren. Das Dirndl war Mode und Ausdruck von Lebensfreude.

Doch das sollte nicht so bleiben. In den 1930er Jahren bemächtigte sich der aufkommende Faschismus der ländlichen Kleider. Die Lederne getragen mit weißem Hemd und weißen Stutzen wurde zum Erkennungszeichen der illegalen Nazis. Nach dem Einmarsch Hitlers wurde „Nichtariern“ das Tragen von Dirndlkleidern verboten.

„Typisch für die Steiermark ist ein Dirndl mit drei Farben und drei Mustern.“

SIMON KOINER-GRAUPP
Geschäſtsführer der Volkskultur Steiermark

Dafür ging die Tirolerin Getrud Pesendorfer im Dienst der neuen Machthaber ans Werk, um dem „entarteten Sommergewand“ eine Runderneuerung im deutsch-nationalen Geiste zu verpassen. Die 1982 verstorbene Pesendorfer erfand, kodifizierte und entwickelte Richtlinien, wie ein „echtes“ Dirndl auszusehen habe. Auch wenn das mit wissenschaftlicher Kostümgeschichte nicht immer vereinbar war. „Pesendorfer hat zum Beispiel eineVinschger Tracht entworfen, die es im Vinschgau nie gegeben hat“, sagt Wallnöfer, die aus dieser Südtiroler Gegend stammt.  

In der Steiermark übernahm die Geramb-Schülerin Gundl Holaubek-Lawatsch die Kodifizierung des Dirndls. „Und zwar viel strenger als ihr Lehrmeister das jemals war“, betont Martina Edler vom Volkskundemuseum. Das Heimatwerk besitzt heute nicht nur eine umfassende Sammlung von Schnittmustern, sondern auch an die 300 festgelegte Varianten steirischer Dirndln. „Wir haben eine besondere Geschichte der Tracht in der Steiermark“, sagt Simon Koiner-Graupp. „Aber wir wissen, dass nicht immer alles dokumentiert worden ist.“ Zum Beispiel, warum es in der Steiermark keine einfärbigen roten und grünen Schürzen gibt. Was aber nicht heißt, dass die Schneiderinnen des Heimatwerks den Wunsch einer Kundin nach einer grünen oder roten Schürze nicht erfüllen würden. Wer es sich an dokumentierte Vorlagen halten will, dem hilft das Handbuch des Heimatwerks. „Typisch für die Steiermark ist ein Dirndl mit drei Farben und drei Mustern“, erklärt Koiner-Graupp. Das Heimatwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen tradierten Schatz an Vorlagen und Mustern zu bewahren. Koiner-Graupp ist gerade dabei, die Schnittmuster aus Papier digitalisieren zu lassen.

Historische Sammlung von steirischen Männertrachten: Der Herr ganz rechts ist Viktor Geramb.

Wenn Dirndl und Lederhose eigentlich eine Erfindung der Städter sind, wie müsste man sie dann im Vergleich zu den schwarzen Kleidern aus Wollstoff sehen, die die Bäuerinnen zur Hochzeit und an hohen Festtagen getragen haben? Martina Edler vom Volkskundemuseum spricht in diesem Zusammenhang von einer „erfundenen Tradition“. Einer Tradition, die eben auch ihre Schattenseiten hat. „Sie wurde missbraucht und benutzt, um auszugrenzen“, sagt Edler. „Deshalb muss man auch die Geschichte der Volkskunde differenziert sehen.“

Elsbeth Wallnöfer
Tracht Macht Politik
272 Seiten,
Haymon Verlag
19,90 Euro

„Dirndl und Tracht darf
man nicht verwechseln.“

ELSBETH WALLNÖFER (o.) und
MARTINA EDLER
Volkskundlerinnen

Elsbeth Wallnöfer geht einen Schritt weiter: „Tracht ist keine erfundene Tradition, sondern die Erfindung des Politischen in der Kleidung.“ Aber nicht nur das: Sie ist ein Instrument, um Gemeinsamkeit sichtbar zu machen. Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit Kleidung oder Schmuck zum Ausdruck zu bringen, ist wohl ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Das beweist auch der Versuch vieler junger Trägerinnen, das Dirndl einer Frischzellenkur zu unterziehen und auf die strengen Vorschriften der Trachtenvereine zu pfeifen. Dirndlkleider aus Denim getragen mit weißen Turnschuhen, T-Shirts zu Lederhosen und Jeans zum Trachtenjanker, in der Mode ist erlaubt, was gefällt. Und das würde diese schöne Kleidung ja auch von Konnotationen befreien, die man im 21. Jahrhundert für überwunden hält.  

Fotos: Benjamin Gasser, Sarah Edler, Haymon Verlag, Fotowerk Aichner, Universalmuseum Joanneum/N. Lackner.

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