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Grazetta

Die Äste von Hollywood

Als kleiner Junge begegnete Swen Temmel im Restaurant seines Vaters in Hollywood zahlreichen Schauspielern. Dann wurde der Grazer selbst einer.

GRAZETTA Voriges Jahr spieltest Du im Film „Criminal Squad 2“ an der Seite von Gerald Butler. Nun bist Du schon wieder auf dem Weg zu Dreharbeiten nach Louisiana. Kannst Du schon was über Deine neue Rolle verraten?
SWEN TEMMEL • Es handelt sich um einen Thriller, ist aber auch ein komplexer Beziehungsfilm, in dem ich neben Virgina Gardner und Neil McDonough eine Rolle übernommen habe. „Criminal Squad 2“ war ein reiner Actionfilm, nun also Thriller. Du weißt oft nicht, was das neue Projekt inhaltlich bringt, aber das ist in Ordnung. Manchmal kommt man auf bis zu 60 Drehtage, bei einer anderen Produktion sind es etwa 20. Man muss aufgeschlossen sein und immer am Ball bleiben. Für einen Schauspieler gibt es freiwillig keine Auszeit. Denn der weitere Aufbau der Karriere hat absoluten Vorrang. Meine Frau Vanessa und ich gründeten unsere Produktionsfirma „Titanhaus Pictures“, um Filmprojekte zu entwickeln. Es gibt unterschiedlichste Wege, um einen Film zu begleiten. Oft geht man zuerst zehn Schritte zurück und dann eben wieder einen nach vorne. Prinzipiell arbeite ich als Schauspieler und als Produzent an mehreren Projekten gleichzeitig.

Wir sitzen hier im Stammhaus von Eis Temmel in Puntigam, in dem Du einen Teil Deiner Kindheit verbracht hast. Seit dem sechsten Lebensjahr lebst Du in den USA. Welche frühen Erinnerungen hast Du noch an Graz?
ST • Der Papa ist nach Santa Monica vorausgegangen, weil er dort das Restaurant „Schatzi on Main“ für Arnold Schwarzenegger führte. Weil er wollte, dass die Familie zusammen ist, sind wir dann nachgekommen. In den ersten Jahren sind wir zu Weihnachten und an Ostern immer wieder zurück nach Graz geflogen. Hier im Stammhaus ist vieles noch wie damals. Als kleiner Junge bin ich in der Box für die Regenschirme gesessen. Die gibt es heute noch. Später als Jugendlicher habe ich in den Ferien am Schank ausgeholfen. Die Anfangszeit in Kalifornien war nicht ganz einfach, aber ich passte mich dann schnell an. Alles in allem war es eine schöne und behütete Kindheit.

Mit Hollywood-Schauspieler Swen Temmel zum Interview im Stammhaus von Eis Temmel in Puntigam:  „Als kleiner Junge bin ich in der Box für die Regenschirme gesessen. Die gibt es heute noch. Später als Jugendlicher habe ich in den Ferien am Schank ausgeholfen.“

Nach Abschluss der High-School absolviertest Du am Lee Strasberg Theatre & Film Institute die Ausbildung zum Schauspieler. Wie davor unter anderem auch Christoph Waltz oder Julia Roberts. Wie kam es dazu?
ST • Bereits in jungen Jahren besuchte ich meinen Vater immer wieder im Restaurant. Und da waren immer viele Schauspieler. Du begegnest etwa Bruce Willis und Robert Downey Jr. und dann siehst du sie später auf der Kinoleinwand. Insofern haben mich Schauspieler und Filme schon sehr früh begleitet. Als ich dann den Wunsch äußerte, selbst Schauspieler zu werden, war mein Vater sofort dafür. Meine Mutter wollte hingegen, dass der Bub einen g’scheiten Beruf wie Architekt oder Rechtsanwalt erlernt. Auch eine Rückkehr in die Steiermark, um die Tourismusschule zu absolvieren, war ein Thema. Wir haben das alles in der Familie ausdiskutiert und letztendlich setzte sich die Schauspielerei durch. Schon an der HighSchool spielte ich immer wieder bei Theaterstücken mit, und nach zwei Jahren am Lee Strasberg Theatre & Film Institute in West Hollywood ging ich an die Royal Academy of Dramatic Arts nach London. Natürlich läuft man viele leere Kilometer und zahlt Lehrgeld auf dem Weg zu den ersten Rollen. Nahezu jeder will in Los Angeles Schauspieler werden und dabei gibt es viele, die es nicht gut mit dir meinen. Aber kommt man als Erwachsener aus dem Ausland nach Los Angeles und will Schauspieler werden, ist es noch viel schwieriger. Ich investierte in einen Manager und einen Agenten und ging zu jedem Casting, das mir angeboten wurde. Daraufhin kam eine Rolle im Science-Fiction-Thriller „In Time“ mit Justin Timberlake und Amanda Seyfried, später dann für „Castle“, einer Krimiserie.

In den letzten 20 Jahren spieltest Du in fast 40 Produktionen mit. Bist unter anderem mit Robert De Niro, John Travolta, Mel Gibson, Al Pacino, Bruce Willis und John Malkovich vor der Kamera gestanden. War Lampenfieber bei diesen Begegnungen ein Thema?
ST • Lampenfieber wäre das falsche Wort. Vielmehr ist man positiv aufgeregt, weil du perfekt vorbereitet in diese Begegnungen gehst. Die Freude war einfach riesengroß und binnen kurzer Zeit herrschte eine kollegiale Stimmung am Set. Du trinkst den gleichen Kaffee mit Al Pacino und sprichst über das gleiche Drehbuch. Diese erwähnten Namen sind beim Dreh alle ausnehmend freundlich und absolut professionell. Man begegnet sich auf Augenhöhe, weil alle das Gleiche wollen: das Beste aus den Rollen herauszuholen. Jede Begegnung war eine durchweg positive und beeindruckende Erfahrung.

Du trinkst den gleichen Kaffee mit Al Pacino
und sprichst über das gleiche Drehbuch.

SWEN TEMMEL, Schauspieler

Wie kann man sich als Laie den Alltag eines Schauspielers in der „Traumfabrik Hollywood“ vorstellen?
ST • Zuerst einmal habe ich das Glück, dass ich von meinem Beruf leben darf. Das ist nicht selbstverständlich. Ich schätze, dass rund 90 Prozent der Schauspieler in Los Angeles einen oder zwei Nebenjobs haben, damit sie sich über Wasser halten können. Mein Vorteil ist, dass ich mich im Alltag komplett auf die Schauspielerei und die Projekte konzentrieren kann und die gesamte Energie in den weiteren Aufbau der Karriere stecke. Am Morgen starte ich mit Fitness, weil dies für die Rollen einfach wichtig ist. Danach werden Mails bearbeitet, Manager, Regisseure und Produzenten kontaktiert. Vanessa unterstützt mich dabei unglaublich, weil sie den Tag und die Termine perfekt strukturiert. Sie arbeitet selbst als bildende Künstlerin und hat in unserer Wohnung ein eigenes Atelier. Wir arbeiten eng zusammen, erstellen Aufnahmen für Castings und sichten Drehbücher für unsere Produktionsfirma. Ganz wesentlich für die Arbeit sind die Kontakte und ein umfangreiches Netzwerk. Fast täglich gibt es ein Treffen mit anderen Schauspielern oder mit Produzenten. Man geht auf Premieren, Filmvorführungen und knüpft neue Kontakte. Präsenz gehört einfach zum Job.

Du warst mit Vanessa erst kürzlich wieder in ihrer Heimat auf der Riegersburg. Dort wird im August 2027 auch kirchlich geheiratet. Wie präsent ist die Steiermark in Eurem Leben?
ST • Wir steigen aus dem Flieger und es ist Heimat. Insofern hat sich für uns nicht viel geändert, weil es nichts Fremdes oder Entferntes hat. Genauso geht es uns, wenn wir zurück nach Los Angeles kommen.  Wir fühlen uns dort wie da einfach zu Hause und nehmen das Beste aus beiden Welten mit.

VANESSA TEMMEL • Sicher gibt es immer wieder Situationen im Alltag, wo wir die Steiermark vermissen. Vor allem wenn es um die Kulinarik geht. Aber wir haben das Privileg, dass wir pendeln können. Wenn es der Job zulässt, fliegen wir für ein paar Tage nach Österreich. Auch innerhalb der USA sind wir immer wieder in anderen Staaten unterwegs und dann freuen wir uns, wenn es nach Los Angeles zurückgeht.

Swen Temmel mit Gattin Vanessa und Vater Charly Temmel (v.l.)

Hat die politische Situation in den USA Deiner Erfahrung nach auf die Arbeit von Kreativen und Künstlern irgendwelche spürbaren Auswirkungen?
ST • Wie es in anderen Bundesstaaten ist, kann ich nicht sagen, aber in Kalifornien habe ich nicht den Eindruck, dass die Politik Einfluss auf die Filmbranche hat. Ich bin Schauspieler geworden, um Menschen emo tional zu unterhalten und ihnen eine Auszeit vom Alltag, ihren Problemen und Sorgen zu gestalten. Als Schauspieler lebst du in gewisser Weise auch in einer eigenen Welt. Da macht es keinen Unterschied, ob du Filme unter der Präsidentschaft von Barack Obama, Joe Biden oder Donald Trump drehst.

Welche Kriterien sind für Dich als Schauspieler und Produzent entscheidend, um ein Drehbuch anzunehmen?
ST • Ein bisschen ist es wie mit der Ausstellung eines Künstlers. Man geht hin und von 20 Werken gefällt eines ganz besonders. Dort ist es dieses eine Bild und beim Drehbuch ist es der Charakter der Rolle. Vanessa und ich lesen viele Drehbücher und schon bei den ersten Seiten merkt man oft, ob es passt oder nicht. Ist es schwer zu lesen, ist es meist auch für die Kinoleinwand schwierig. Aber es gibt oft auch Überraschungen, die vorab nicht zu erwarten waren. Aktuell gibt es etwa ein Projekt aus dem Horrorsegment, das vielversprechend klingt.

Eingespieltes Team: „Vanessa unterstützt mich unglaublich, weil sie den Tag und die Termine perfekt strukturiert. Sie arbeitet selbst als bildende Künstlerin und hat in unserer Wohnung ein eigenes Atelier. Wir arbeiten eng zusammen, erstellen Aufnahmen für Castings und sichten Drehbücher für unsere Produktionsfirma“, sagt Swen Temmel.

Die Zusammenarbeit mit Guy Ritchie für den Film „Der Pakt“ vor drei Jahren war Deiner Aussage nach „absolut top“. Für welchen Regisseur würdest Du sofort ans Set kommen?
ST • Mit Guy Ritchie arbeiten zu dürfen, war der Hammer. Wenn Regiegrößen wie Martin Scorsese anrufen würden, gäbe es natürlich kein Zögern. Aber die persönliche Nummer eins ist für mich der österreichisch-schweizerische Filmregisseur Edward Berger. Sein Film „Im Westen nichts Neues“ wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, „Konklave“ war für acht Oscars nominiert.

Am 1. Juni wäre Marilyn Monroe 100 Jahre alt geworden. Am Broadway warst Du im Musical „Natürlich blond“ zu sehen und spieltest Shakespeare in London. Ist eine Rückkehr ans Theater im Moment vorstellbar?
ST • Eine Rückkehr ist zu 100 Prozent vorstellbar. Wir gehen in Los Angeles oft ins Theater, weil die Bühne einfach etwas ganz Besonderes ist. Für mich ist es nach wie vor das direkteste Schauspiel. Die Vorbereitungen für so eine Theaterproduktion sind gewaltig, das Schauspiel erfordert volle Konzentration und die Nähe zum Publikum ist intensiver als irgendwo anders.

Man weiß nie, wann der Durchbruch zum
international bekannten Schauspieler kommt.

SWEN TEMMEL, Schauspieler

Vor sieben Jahren sagtest Du in einem Interview, du stehst an der „Baumgrenze“ von Hollywood. Wo siehst Du Dich heute?
ST • Bildlich gesprochen blickte ich damals von ganz unten zum Baumwipfel empor. Heute habe ich ein paar Äste hinter mir und schon die nächsten im Blick, um nach ihnen zu greifen. Das Ziel war und ist der Wipfel. Das ist der Oscar. Und den will ich in der Hand halten, bevor ich weiße Haare habe. Man weiß nie, wann der Durchbruch zum international bekannten Schauspieler kommt. Es kann auch der Film und die Rolle sein, mit der man gar nicht rechnet. Im Moment arbeite ich parallel an vier Projekten. Nach dem Dreh in Louisiana übernehme ich die männliche Hauptrolle in einem Horrorfilm, der in Kentucky gedreht wird. Ende des Jahres ist ein Projekt in Thailand geplant. 

Fotos: Benjamin Gasser

P. Kovacs-Merlini

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