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“Keine Abenteuer”

Seit einem Jahr ist Georg Bucher Vorstandsvorsitzender der Steiermärkischen Sparkasse. Wie gelingt es einer Bankengruppe in schwierigen Zeiten, Menschen und Regionen über finanzielle Verantwortung hinaus zu stärken? Eine Bilanz.
Georg Bucher ist seit über 30 Jahren im Bankengeschäft. Seit einem Jahr ist er Vorstandsvorsitzender
der Steiermärkischen Sparkasse: „In den letzten 15 bis 20 Jahren sind die Herausforderungen schneller
und in wesentlich kürzeren Abständen aufgetreten als zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit.“

GRAZETTADie Situation der Banken wird zunehmend von einem herausfordernden Umfeld begleitet. Sie sind seit 36 Jahren im Bankengeschäft tätig und seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender der Steiermärkischen Sparkasse. Sind die Herausforderungen mehr geworden?
GEORG BUCHER • In den letzten 15 bis 20 Jahren sind die Herausforderungen schneller und in wesentlich kürzeren Abständen aufgetreten als zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit. Die Planung ist heute komplexer und unsicherer als in der Vergangenheit. Vor der Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 gab es wahrscheinlich zu wenig Eigenkapital in den Banken und wenige Regularien. In der Folge wurden die aufsichtsrechtlichen Anforderungen und Prüfungen massiv ausgeweitet, die für die Stabilität des Bankensektors richtig und notwendig waren. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht und es ist wichtig, den Fokus auf die wesentlichen Risiken zu behalten.

Trotz gesunkener Zinsergebnisse konnte die Steiermärkische Sparkasse bei Bilanzsumme, Provisionsgeschäft und Eigenkapital wachsen. Wie geht das?
GB • Mit einer soliden und konsequenten Geschäft spolitik. Ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor sind dabei unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ihr Engagement, ihre Erfahrung und ihre hohe soziale und fachliche Kompetenz tragen maßgeblich dazu bei, dass wir auch in einem herausfordernden Umfeld stabil wachsen können. Darüber hinaus agieren wir als Konzern in einem geografischen Raum, den wir sehr gut kennen. Für die Steiermärkische Sparkasse sind das neben der Steiermark die Tochterbanken in Slowenien, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. Wir gehen auf diesen Märkten keine Abenteuer ein, sondern verfolgen eine nachhaltige, risikobewusste Strategie wie im Inland.

Nach Jahren der Rezession deutet einiges auf eine Rückkehr zur Stabilität hin. Aber kann man aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage im Bankensektor überhaupt stringente Prognosen treffen?
GB • Stringente Prognosen sind heute schwieriger geworden, gleichzeitig müssen Planungen kontinuierlich an das Umfeld angepasst und weiterentwickelt werden – das ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Das politische Umfeld ist dabei das größte Risiko. Unvorhersehbare geopolitische Entscheidungen wirken sich unmittelbar auf die Zinspolitik und die Kapitalmärkte aus. Davon sind sowohl globale als auch regionale Märkte betroffen. Unsere Aufgabe ist es, diesem Umfeld mit Sorgfalt und Stabilität zu begegnen und das Wachstum fortzusetzen, das uns seit mehr als zwei Jahrhunderten erfolgreich macht.

Unter anderem studierten und arbeiteten Sie in Belgien. Welchen Einfluss räumen Sie der Europäischen Union auf die Konjunktur in Österreich und das nationale Bankengeschäft ein?
GB • Der Einfluss der Europäischen Union ist aus meiner Sicht positiv zu beurteilen. Die Erste und Sparkassengruppe profitiert davon, vor allem auf den Märkten in CEE und Südosteuropa. Durch europäische Impulse werden gezielt Infrastruktur vor Ort aufgebaut, Wertschöpfung generiert und Arbeitsplätze geschaffen. Derzeit sind rund 4.500 österreichische Unternehmen allein in Südosteuropa aktiv, davon 400 steirische Betriebe. Im Hinblick auf die Regulatorik des Bankensektors ist jedoch von der EZB Augenmaß gefragt und der regulatorische Rahmen darf nicht überspannt werden.

Laut einer Umfrage rechnen 64 Prozent der Steirer künftig mit einer Verschlechterung der Lebensqualität. 38 Prozent gehen von einem hohen Risiko aus, in der Pension selbst von Armut betroffen zu sein. Steigt damit die Nachfrage nach privater Vorsorge und langfristigen Anlageprodukten?
GB • Dieses Umfrageergebnis hat uns nicht überrascht – wir haben bereits vor rund drei Jahren darauf reagiert. Für die Steiermärkische Sparkasse ist die finanzielle Gesundheit nach der menschlichen Gesundheit das zweitwichtigste Thema. Financial Health ist eine zentrale Voraussetzung für ein gutes und finanziell selbstbestimmtes Leben. Ab etwa 25 Jahren ist es möglich, mit überschaubaren monatlichen Beträgen langfristig Vermögen aufzubauen und über 30 bis 40 Jahre ein solides Fundament für die Zukunft zu schaffen. Das ist entscheidend, denn das Pensionssystem basiert auf drei Säulen: der gesetzlichen Pension, der betrieblichen Altersvorsorge und der privaten Vorsorge. Fakt ist, dass die Pensionslücke größer wird. Umso wichtiger ist es aus unserer Sicht, die dritte Säule gezielt zu stärken und Menschen dabei zu unterstützen, rechtzeitig privat vorzusorgen. Deshalb setzen wir sehr früh an: Gemeinsam mit unseren Kunden treffen wir bereits in jungen Jahren grundlegende finanzielle Entscheidungen – etwa in den Bereichen Wohnbaufinanzierung, Vermögensaufbau und Altersvorsorge. Diese Themen stehen im Mittelpunkt unserer umfassenden Financial-Health-Check-Gespräche.

Sie haben in Rechtswissenschaften promoviert. Warum wollten Sie Banker werden?
GB • Ehrlich gesagt, war es Zufall. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und es war die richtige Entscheidung, weil es inhaltlich spannend ist, in einer Schlüsselindustrie tätig zu sein. Man darf nicht vergessen, das Betätigungsfeld der Steiermärkischen Sparkasse reicht von Bad Aussee bis zum Ohridsee und damit an die Grenze zwischen Nordmazedonien und Albanien zu unserer südlichsten Filiale. Damit verbunden ist das Kennenlernen unterschiedlichster Kulturen und universeller wirtschaftlicher Herausforderungen.

Meinen Kindern wurde in der Schule über Finanzen genauso wenig beigebracht wie mir. Das halte ich für sehr bedenklich.

Die Steiermärkische Sparkasse baute in den letzten 30 Jahren ihre Rolle zum führenden Finanzinstitut in Südosteuropa aus. Bereits rund 38 Prozent des Jahresüberschusses kommen aus dieser Region. Ist eine Expansion in weitere Märkte wie Albanien oder in den Kosovo künftig ein Thema?
GB • Für die Stabilität der Bankengruppe ist Südosteuropa sehr wichtig. Die Erste Bank und die Steiermärkische Sparkasse haben Pionierarbeit geleistet und ich sehe es als Privileg an, dass wir diese Länder mit unseren Geschäftsfeldern Retail, Kommerz und Internationales Geschäft auf ihrem Weg begleiten. Mich würde es freuen, wenn die Politik in Abstimmung mit der Europäischen Union die Beitrittsverhandlungen beschleunigt. Es ist beosorgniserregend, was in den einzelnen Staaten passiert, wenn immer mehr junge Menschen ihr Heimatland verlassen und abwandern. Als Bank unterstützen wir gezielt den Wissensdurst der Jugend aus diesen Ländern. Mit Initiativen wie dem Best of South-East Programm wird der Austausch mit Studierenden gefördert und werden ihnen wertvolle Einblicke und Erfahrungen in der Steiermärkischen Sparkasse ermöglicht. Entscheidend ist dabei, dass sie ihr erworbenes Wissen nutzen, um in ihrer Heimat etwas aufzubauen und die Zukunft aktiv mitzugestalten. Gerade Österreich ist mit den südosteuropäischen Ländern historisch stark verbunden. Sie sind ein Teil von Europa und als solcher ist es wichtig, ihnen Perspektiven zu geben. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass in den Ländern, in denen wir tätig sind, enormes Potenzial vorhanden ist. Familien halten zusammen, bauen Betriebe auf und sind aufgrund ihrer jüngsten Geschichte auch resistenter gegenüber Krisen.

Jedes Jahr entscheiden sich rund 29.000 Neukunden für die Steiermärkische Sparkasse. Was sind Ihrer Erfahrung nach die Gründe dafür?
GB • Bei den erwähnten Neukunden sprechen wir nur vom Inland. Gemeinsam mit der Erste Bank betreuen wir in den sechs südosteuropäischen Ländern etwas über 2,4 Millionen Kunden. Aus Erhebungen wissen wir, dass viele Kunden über Empfehlung zu uns kommen. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist unsere konsequente, kundenorientierte digitale Transformation. Die Online-Services unserer Banking-App George werden laufend weiterentwickelt und erfahren hohen Zuspruch. Neue Funktionen im Zahlungsverkehr sowie ein spürbar erhöhter Bedienkomfort erleichtern den Alltag unserer Kunden. Mit George Invest eröffnen wir zudem neue, einfache Möglichkeiten der digitalen Geldanlage und bieten eine transparente Vermögensübersicht. Für Unternehmen unterstützt George Business den täglichen Finanzworkflow, schafft zusätzliche Transparenz und erleichtert die Steuerung der betrieblichen Finanzen.

Der digitale Euro der Europäischen Zentralbank befindet sich seit Ende 2025 in der Probephase. Wie sehen Sie die stetig steigende Digitalisierung in der Beziehung zum Kunden? Und was bedeutet das für Sie und die knapp 3.000 Mitarbeiter in den 232 Filialen des Steiermärkische Sparkasse-Konzerns?
GB • Für die Steiermärkische Sparkasse hat das Zwischenmenschliche nach wie vor höchste Priorität. Das zeigt sich nicht zuletzt in den rund 470 persönlichen Fiancial-Health-Gesprächen, die täglich stattfinden. Um die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden zu verstehen, setzen wir auch künftig weiterhin bewusst auf ausreichend qualifizierte Mitarbeiter. Finanzielle Entscheidungen sind in vielen Fällen emotional geprägt und haben langfristige Auswirkungen. Gleichzeitig ist ein leistungsfähiges digitales Angebot heute selbstverständlich und wir entwickeln es konsequent im Sinne unserer Kunden weiter. Digitale Lösungen sollen unterstützen, Orientierung geben und Prozesse vereinfachen. Für uns ist klar: Digitale Innovation und persönlicher Kontakt sind keine Gegensätze, sondern ergänzen einander.

Laut einer Umfrage ist in mehr als der Hälft e der Familien die Finanzbildung kein Th ema. Die Steiermärkische Sparkasse macht sich seit vielen Jahren für das Th ema Finanzbildung stark und vermittelt dieses über unterschiedliche Projekte und Initiativen. Würden Sie sich diesbezüglich mehr Unterstützung vom Staat bzw. den Bildungseinrichtungen erwarten?
GB • Ich sehe die finanzielle Bildung als zentrale Aufgabe der Politik. Gleichzeitig sind wir eine Bankengruppe, die dabei gerne konstruktiv mitgestaltet. Meinen Kindern wurde in der Schule über Finanzen genauso wenig beigebracht wie mir. Das halte ich für bedenklich. Im vorigen Jahr realisierte die Steiermärkische Verwaltungssparkasse, Haupteigentümerin der Steiermärkische Bank und Sparkassen AG, mit FLiP im CoSA einen interaktiven Finanzerlebnispark im Joanneumsviertel, der seit heuer Teil der nationalen Finanzbildungsstrategie ist. Damit wurde ein niederschwelliger Zugang zu Geldthemen geschaffen. Die Nachfrage von Schulen ist enorm, weil es zu diesem Th ema weder ein Unterrichtsfach noch Lehrpersonal gibt. Finanzbildung an Schulen zu implementieren, halte ich für essenziell.

Neben den Bereichen Treasury und dem Internationalen Geschäft verantworten Sie unter anderem auch das Wertpapiergeschäft . Das Depotvolumen im Wertpapiergeschäft ist im Haus in den letzten zehn Jahren von 3,15 Milliarden auf 5,7 Milliarden gestiegen. Sind Aktien und Investmentfonds mittlerweile die ultimative Anlageform?
GB • Das Sparbuch hat nach wie vor seine Berechtigung, insbesondere für kurzfristige Rücklagen und als Sicherheitsreserve. Für den langfristigen Vermögensaufb au kommt man an kapitalmarktbasierten Anlagen nicht vorbei. Aktien und Investmentfonds haben sich hier als wichtige Bausteine etabliert. Die Steiermärkische Sparkasse bietet eine breite Palette an Fonds, die unterschiedliche Anlageziele und Risikoneigungen abdecken. Entscheidend bei jeder Veranlagung ist die Streuung. Eine breite Diversifikation über Anlageklassen, Regionen und Branchen reduziert Risiken und erhöht die Stabilität des Portfolios.

Die Steiermärkische Verwaltungssparkasse als Haupteigentümerin der Steiermärkische Bank und Sparkassen AG unterstützt Projekte und Institutionen in den Hand ungsfeldern Bildung und Innovation, Kunst und Kultur, Soziales und Gesellschaft sowie Umwelt und Nachhaltigkeit. Warum ist das wichtig?
GB • Im Rahmen der Investitionen der Steiermärkische Verwaltungssparkasse in gesellschaft lich relevante Projekte versteht sie sich als aktive Gestalterin der Gesellschaft – als Ermöglicherin, Brückenbauerin und Impulsgeberin. Gemeinsam mit Förderpartnern arbeitet sie an einer lebenswerten Zukunft für alle und einer starken, solidarischen und zukunft sfähigen Steiermark. Denn gesellschaft liches Engagement ist kein Projekt, sondern eine Haltung. Wir sind stolz, dass das gesellschaft liche Engagement der Steiermärkischen Sparkasse Ausdruck der Überzeugung ist, dass wirtschaft licher Erfolg und gesellschaft licher Fortschritt Hand in Hand gehen müssen.

Wird von Banken eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung vorausgesetzt?
GB • Voraussetzen kann man es nicht. Aber die Steiermärkische Sparkasse hat in ihrer zweihundertjährigen Geschichte bewiesen, dass sie sich für das Wachstum des Wohlstandes einsetzt. Und diese Historie wollen wir weiterhin zeitgemäß transportieren.

Auf der einen Seite erwartet sich der Kunde, dass das Geld auf der Bank mehr wird. Andererseits sind diese strengen Regularien unterworfen und verpflichtet, im Sinne der Ethik zu handeln. Etwa durch die Abgrenzung von Kryptowährung und Waffen. Naiv gefragt: Ist der „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ machbar?
GB • Wir verfolgen klar definierte Investitionskriterien hinsichtlich der Branchen, in denen wir tätig sind. Diese Leitplanken sind verbindlich und werden konsequent eingehalten. Entwicklungen in der Verteidigungsindustrie beobachten wir aufmerksam und differenziert, da sich eine verantwortungsvolle Bankengruppe auch mit diesem Themenfeld auseinandersetzen muss. Gleichzeitig investieren wir in der Steiermark sowie in Südosteuropa in innovative Unternehmen mit ressourcenschonenden Geschäftsmodellen. Als führende Finanzdienstleisterin im Süden Österreichs sehen wir es als unseren Auft rag, unseren Kunden zukunft sorientierte Finanzierungsansätze aufzuzeigen.

Fotos: Benjamin Gasser

P. Kovacs-Merlini

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