Kühle Wälder, saftige Wiesen und schöne Landschaften, die Natur kann bei der Behandlung körperlicher und seelischer Leiden eine wichtige Rolle spielen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist dies schon längst.
Wenn es ein Medikament gäbe mit so vielen positiven Effekten auf unsere Gesundheit und so wenigen bekannten Nebenwirkungen und das so kostengünstig ist, wäre das eine große Sensation.“ Das sagt der Psychiater und Autor Reinhard Haller über die Natur und ihren Stellenwert in der Medizin. Und das hat nichts mit Naturromantik zu tun, im Gegenteil. Die Wirkung von Natur auf Menschen lässt sich messen: Das haben japanische Ärzte, wie der Waldbaden-Pionier Qing Li, bereits in den 1980er Jahren getan. Im Wald geht der Stresslevel zurück, Pulsrate und Blutdruck sinken. Das Niveau des Stresshormons Cortisol fällt ab. Hinzu kommt die positive Wirkung der sogenannten sekundären Pflanzenstoffe, die von den Nadelbäumen produziert werden. Das Einatmen dieser Terpene führt zu einer signifikanten Vermehrung der natürlichen Killerzellen im Blut, die Viren, Bakterien und Krankheitserreger ausschalten. Auch die Konzentration antikarzinogener Immunproteine steigt, wie Mediziner der Nippon Medical School nachgewiesen haben. Ein weiterer Vorteil: In der Natur muss man sich bewegen. Und das ist in einer Gesellschaft von großem Wert, in der sich mehr als die Hälfte der Erwachsenen laut Weltgesundheitsorganisation WHO nicht ausreichend bewegt.
„Nach zehn Minuten wirkt
die Atmosphäre im Wald entspannend, ohne dass
man dafür etwas tun muss.“
ULLI FELBER
Klinische Waldtherapeutin

Die Grazerin Ulli Felber ist Klinische Waldtherapeutin und kam über ihre Arbeit als Burnout-Prophylaxe Trainerin zum Arbeiten mit der Natur. „Ich habe einen größeren Effekt, wenn ich therapeutische Maßnahmen wie zum Beispiel Atemübungen im Wald mit Patienten mache“, sagt sie. „Schon nach zehn Minuten wirkt die Atmosphäre im Wald entspannend, ohne dass man dafür etwas tun muss.“ Felber hat sich in Deutschland zur Klinischen Waldtherapeutin ausbilden lassen. Sie arbeitet eng mit dem Berliner Krankenhaus Charité zusammen. Ihr letztes Projekt war die Ausarbeitung eines Lehrgangs für medizinische Wald- und Naturtherapie. „Die Charité wendet diese Therapie bereits bei Patienten an“, berichtet Felber. „Zum Beispiel bei der Behandlung von Krebs, Burnout, chronischen Schmerzen und Post-Covid.“ An der Universität Augsburg denkt man über die Einrichtung eines universitären Lehrgangs nach. Noch einen Schritt weiter geht man in Schweden. Dort können Ärzte eine Naturtherapie auf Rezept verschreiben.
Dass der Aufenthalt in der Natur für den Menschen gesund ist und Auswirkungen auf Heilungs-prozesse hat, bestreitet heute wohl niemand mehr. Warum das so ist? Evolutionsbiologen sagen: „Ganz einfach deshalb, weil der Mensch Teil der Natur ist.“ Noch weiter geht die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum, wenn sie sagt, dass das Verhältnis zur Natur ein „wesentlicher Bestandteil eines geglückten Lebens“ sei.

„Wir nutzen den Garten
bei der Behandlung
unserer Patienten.“
UTE EBERL
Krankenhaus der Elisabethinen
Ein Zugang, dem Ute Eberl vom Krankenhaus der Elisabethinen durchaus etwas abgewinnen kann. Sie leitet die medizinisch-therapeutischen Dienste und hat den Garten des Krankenhauses mitgestaltet. „Die Liebe zur Natur ist etwas Franziskanisches“, sagt Eberl. „Der mit Franz von Assisi verbundene Orden der Elisabethinen hat daher viel Geld in unseren Garten investiert, den wir für die Behandlung unserer Patienten nutzen.“
Dass therapeutische Maßnahmen im Garten oft besser wirken als in geschlossenen Räumen hat Eberl in ihrer Praxis oft erlebt: „Patienten wehren sich oft gegen Knie-beugen, weil es wehtut. Wenn man sie aber bittet, die Himbeeren zu pflücken, die unten am Strauch hängen, dann gehen die Kniebeugen ganz von selbst.“ Eine wichtige Ressource ist der Garten auch bei der Betreuung von Patienten in der Alterspsychiatrie. Bei der Pflege der Gemüsebeete und der Obstbäume gehe es darum „ganz alltägliche Arbeiten wieder machen zu können.“

„Der Erfahrungsraum Natur fördert die Kreativität, das Ausleben von Emotionen und das soziale Miteinander bei Kindern.“
BARBARA ZOUHBI
Mental- und Waldbadentrainerin
Es bedarf also keiner stundenlanger Ausflüge ins Grüne, um von der unterstützenden Wirkung von Natur zu profi-tieren. Spitalspatienten, die in ihrem Zimmer Aussicht auf ein paar Bäume haben, erholen sich schneller und brauchen weniger Schmerzmittel. Sogar die gute alte Fototapete mit dem einladenden Bergsee wirkt schon auf uns.
Die Klinische Psychologin Barbara Hochstrasser hat ihre Grazer Praxis an einen Ort in der Nähe eines Waldes verlegt. In die Natur geht sie zum Beispiel mit Burnout-Patienten. „Diese Menschen sind sehr oft strenge Kritiker ihrer selbst, sie wollen noch besser, noch effizienter sein“, berichtet Hochstrasser. „Die Natur erleben diese Menschen als entlastend, weil der Druck abfällt. Die Natur urteilt und bewertet nicht.“ Gut einsetzen lasse sich ein Aufenthalt in der Natur auch in der Suchttherapie. „Man kann hier dem Suchtverlangen sehr gut etwas entgegensetzen“, erklärt Hochstrasser. „Natur hilft dem Patienten, die Perspektive vom Suchtverlangen weg und hin zum Erleben von einer Pflanze oder einem schönen Käfer zu wechseln.“ Sinnliches Erleben spielt dabei eine wichtige Rolle.

„Burnout-Patienten erleben die Natur als entlastend, weil der Druck abfällt. Die Natur urteilt nicht.“
BARBARA HOCHSTRASSER
Klinische Psychologin
Wie man diesen Perspektivenwechsel nutzen kann, das vermittelt Barbara Zouhbi am Schlossberginstitut. Die Mentaltrainerin unterrichtet Pädagogen, Sozialarbeiter und Lebensberater darin, Natur in ihre Arbeit zu integrieren. „Menschen ins Spüren zu bekommen, dazu braucht es manchmal eine Anleitung“, betont Zouhbi. „Damit Menschen aus dem Alltagsstress herauskommen können, muss man sie behutsam führen, mit Atemübungen oder mit Achtsamkeitstraining.“ Wichtig sei die sinnliche Erfahrung von Natur aber auch für die Entwicklung eines Kindes. „Der Erfahrungsraum Natur fördert die Kreativität, das Ausleben von Emotionen und das soziale Miteinander“, berichtet die Mentaltrainerin. Zouhbi erzählt von einem Ausflug mit einer Wiener Schulklasse. Die Hälfte der damals 15-Jährigen war zuvor noch nie in einem Wald gewesen. „Als ich das gehört habe, war ich wirklich entsetzt“, erinnert sie sich. Zu verdanken sei der Ausflug damals dem Engagement einer Lehrerin gewesen, die alle damit verbundenen rechtlichen Probleme lösen konnte. Dabei hat eine dänische Langzeitstudie nachgewiesen, dass Kinder, die viel in der Natur waren, resilienter waren, Probleme besser lösen konnten und sozialer im Umgang mit anderen waren. Und das ganz unabhängig davon, in welches soziale Milieu die Kinder hineingeboren worden waren. Zouhbi ist davon überzeugt, dass das Naturerleben in der Kindheit prägend für das spätere Leben ist, dass es auch zu mehr Verständnis für Natur- und Umweltschutz führt. „Was man kennt, das schützt man auch“, sagt Zouhbi und verbindet damit einen zweifachen Appell an die Politik: Es braucht Rahmenbedingungen, die Kindern den Aufenthalt in der Natur ermöglichen. Und Natur sollte als therapeutisches Mittel fester Bestandteil des Gesundheitssystems werden.
Fotos: Unsplash, Johanna Jakubik, Benjamin Gasser, privat






