Unaufmerksamkeit ist die Unfallursache Nummer eins in der Steiermark, sagt Verkehrslandesrätin Claudia Holzer (FPÖ) und erklärt, warum sie beim Thema Verkehrssicherheit viel in die Arbeit mit Kindern investiert.

GRAZETTA • In wenigen Tagen gehen die Ferien zu Ende. Wie sieht es mit der Sicherheit der Kinder auf dem Schulweg aus?
CLAUDIA HOLZER • In der Steiermark gab es 2025 leider eine hohe Anzahl an Unfällen von Kindern im Alter von sechs bis 15 Jahren. Bei 77 Schulwegunfällen wurden 86 Kinder verletzt, 2024 waren es 48 Unfälle mit 59 verletzten Kindern. Zum Glück gab es keinen tödlichen Unfall. Aber an dieser Stelle appelliere ich an alle Verkehrsteilnehmer, gerade am Beginn des neuen Schuljahres ganz besonders vorsichtig zu sein.
Was kann man auf gesetzlicher Ebene dagegen tun?
CH • Wir brauchen keine neuen Regeln. In der Steiermark gilt nahezu flächendeckend Tempo 30 in der Umgebung von Volksschulen. Zudem erinnere ich daran, dass Kinder das gesetzlich verankerte Recht auf den sogenannten unsichtbaren Schutzweg haben. Kraftfahrzeuglenker müssen Kindern ein gefahrloses Überqueren ermöglichen, auch dort, wo kein Zebrastreifen vorhanden ist.
In der Verkehrsstatistik sieht man auch einen Anstieg von Unfällen mit E-Scootern mit Kindern und Jugendlichen.
CH • Ja, das ist durchaus beunruhigend. Wir sehen, dass der E-Scooter von vielen als eine Art Spielzeug gesehen wird. Diese Zweiräder erreichen aber eine Geschwindigkeit bis zu 25 Stundenkilometer, von getunten E-Scootern rede ich gar nicht. Viele sind ohne Helm oder gar zu zweit damit unterwegs, was beides nicht erlaubt ist. Österreich ist eines der wenigen europäischen Länder, in dem Kinder schon mit zehn Jahren einen E-Scooter fahren dürfen, wenn sie die Radprüfung bestanden haben. Ich halte das jedoch für zu früh.
Sie setzen auch bei der Verkehrssicherheit von Kindern an, warum ist Ihnen das so wichtig?
CH • Weil Kinder sehr schnell begreifen, wo Gefahren liegen, wenn man sie ihnen kindgerecht aufzeigt. Es gibt seit 2017 die Kampagne „Augen auf die Straße“, die auch ein interaktives Theater für Volksschulkinder beinhaltet. Damit haben wir bereits rund 14.000 Kinder erreicht und dafür auch den Österreichischen Verkehrssicherheitspreis AQUILA erhalten. In diesem Jahr haben wir ein Memory Spiel herausgebracht, mit dem Kinder spielerisch lernen, worauf es im Verkehr ankommt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sichtbarkeit. Kinder müssen im Straßenverkehr gut und frühzeitig gesehen werden. Deshalb werden wir ab Herbst reflektierende Schnappbänder verteilen. Kinder sind gute Multiplikatoren. Sie nehmen diese Erfahrungen mit nach Hause und geben sie auch ihren Eltern weiter.
Landesrätin Claudia Holzer mit den Memory Karten: Kinder spielerisch mit dem Thema Sicherheit vertraut machen.

Seit mehr als 20 Jahren gibt es in der Steiermark den Verkehrssicherheitsbeirat. Was zeichnet ihn aus?
CH • Der Beirat ist in dieser Form einzigartig in Österreich. Hier kommen die wesentlichen Entscheidungsträger von Land, Stadt, Polizei und Bezirksverwaltungsbehörden sowie Verkehrssicherheitsexperten zusammen. In diesem Gremium wurde auch das neue Verkehrssicherheitsprogramm 2026+ erarbeitet.
Für den Herbst planen Sie eine Kampagne unter dem Titel „Perspektivenwechsel“. Was kann man sich darunter vorstellen
CH • Es geht darum zu lernen, eine Verkehrssituation aus der Perspektive verschiedener Verkehrsteilnehmer zu sehen. Zum Beispiel das Überholen eines Radfahrers. Autofahrer achten oft nicht auf den entsprechenden Abstand. Wer als Radfahrer erlebt hat, wie unangenehm das ist, wird als Autofahrer eher darauf achten. Es geht also auch dabei wieder um das Thema Aufmerksamkeit, aber auch um gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme.
In den letzten Jahren ist die Zahl der Zweiräder massiv gestiegen. Das sieht man auch in der Unfallstatistik. Wie reagieren Sie darauf?
CH • Deshalb bieten wir auch spezielle kostenlose Fahrtrainings für E-Bike- und EScooter-Fahrer an und die werden speziell in den Gemeinden sehr gut angenommen. Wir sehen auch einen Motorrad-Boom, mit vielen Wiedereinsteigern und deutlich mehr Zulassungen. Den Boom gibt es auch bei den Rädern. Die Infrastruktur daran anzupassen, ist allerdings nicht immer leicht.
Rad gegen Auto, das Thema hat im Grazer Gemeinderatswahlkampf eine große Rolle gespielt.
CH • Vor allem in den Stadtzentren – siehe Graz – ist der Raum eben begrenzt. Ich bin dagegen, ein Verkehrsmittel gegen das andere auszuspielen. Wir sind alle einmal Fußgänger und Öffi-Nutzer, einmal Radfahrer und einmal Autofahrer. Ich verwehre mich dagegen, hier eine ideologisch aufgeladene Debatte zu führen. Nur Radwege zu bauen und Parkplätze zu streichen, davon halte ich nichts. Es geht um einen guten Kompromiss und um einen Ausgleich zwischen den Verkehrsteilnehmern.
Fotos: LUKart/Sladjan Jankov






