Silicon Austria Labs entwickelt gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Wissenschaft neue Technologien für elektronikbasierte Systeme. Geleitet wird das Forschungszentrum von einer Doppelspitze: CEO Christina Hirschl verantwortet die wissenschaftliche Ausrichtung, CFO Isabel Tausendschön die wirtschaftliche. Ihr gemeinsamer Anspruch ist es, Forschungsergebnisse in Anwendungen zu überführen, die in Österreich Wertschöpfung schaffen.
GRAZETTA • Die Silicon Austria Labs GmbH (SAL) wurde 2018 als bundesländerübergreifendes, außeruniversitäres Forschungszentrum im Bereich der elektronik- und softwarebasierten Systeme (ESBS) gegründet. An den Standorten Graz, Villach und Linz wird an Schlüsseltechnologien geforscht. Worum handelt es sich bei ESBS, und warum passiert dies nicht am Standort Wien?
CHRISTINA HIRSCHL • Wir leben in einer digitalisierten Welt, und vereinfacht gesagt, forscht die Silicon Austria Labs GmbH in jenen Bereichen, die es dafür braucht. Dabei handelt es sich um Sensoren, Kommunikationselemente oder Energieeffizienz. Unsere Arbeit ist ein Schlüsselwerk, das von der Hardware bis zur Software in einem gemeinsamen Denken und Entwickeln übergreift. Unsere Standorte folgen der Industrie. Graz, Villach und Linz liegen dort, wo die heimische Elektronik- und Halbleiterindustrie stark ist: in Oberösterreich etwa voestalpine und Fronius, in Kärnten Infineon, in der Steiermark AT&S, ams OSRAM und TDK, um nur einige zu nennen. Die Wirtschaft ist bei uns nicht nur Auftraggeberin, sondern auch Miteigentümerin: Neben der Republik Österreich als Mehrheitseigentümerin und den Ländern Steiermark, Kärnten und Oberösterreich hält der Fachverband der Elektro- und Elektronikindustrie rund ein Viertel der Anteile. Unser Ziel ist es, alle Unternehmen am Standort Österreich zu stärken, vom Konzern bis zum Mittelbetrieb.

CEO Christina Hirschl (l.) und CFO Isabel Tausendschön im neuen Validation Lab von Silicon Austria Labs am Standort Graz: „Es ist als eine Dienstleistung zu verstehen, von der all jene profitieren, deren Elektroniklösungen auch unter extremen Bedingungen zuverlässig funktionieren müssen.“
Ihr Fokus liegt auf anwendungsorientierter Forschung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Idee bis zur Umsetzung. Woher kommen die Ideen?
ISABEL TAUSENDSCHÖN • Die Ideen findung basiert auf einer Wechselwirkung zwischen der SAL und ihren Partnern. Unternehmen aus der Industrie kommen zu uns, damit wir gemeinsam Lösungen für gewisse Themen finden. Auf der anderen Seite sind wir selbst auf Konferenzen und sehen dort, welche Entwicklungen und Innovationen stattfinden, die künftig für Partner und Unternehmen von Nutzen sein können. Da es sich zum Großteil um sehr komplexe Bereiche handelt, agieren wir als Forschungszentrum als Brückenbauer, verbinden einzelne Unternehmen miteinander und begleiten die Entwicklung komplett bis zum gewünschten Resultat. Das Fundament dafür ist eine vertrauensvolle und effiziente Forschung.
Silicon Austria Labs verfolgt das Ziel, technologische Durchbrüche zu erzielen, die relevant für die Gesellschaft und nachhaltig sind. Haben Sie einen humanistischen Auftrag?
CH • Als international führendes Forschungszentrum sehen wir es definitiv als unsere Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse effizient in marktfähige Lösungen zu überführen. Dabei verbinden wir die Wissenschaft mit konkreten Impulsen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Somit geht es dabei um zentrale Herausforderungen der Gesellschaft und einen nachhaltigen Beitrag für deren Zukunft. Fakt ist aber auch, dass wir einen wirtschaftlichen Auftrag zu erfüllen haben.
IT • Wofür es bekanntlich gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch in der Forschung einer strategisch effektiven Planung bedarf. Dies ist der SAL in den letzten Jahren mit raschem Wachstum erfolgreich gelungen. Im Dezember 2018 haben wir mit dem Aufbau des Teams begonnen, heute sind an allen drei Standorten mehr als 430 Personen aus 50 Nationen angestellt.

„Unsere Mission ist es, die Lücke zwischen Forschung und Wirtschaft zu schließen. Bei SAL wird aus exzellenter Forschung wirtschaftlicher Nutzen für Unternehmen und den Standort Österreich.“
ISABEL TAUSENDSCHÖN
CFO Silicon Austria Labs
Aus welcher Branche kommen vorrangig die Aufträge?
IT • Unsere Auftraggeber sind so vielfältig wie die Anwendungen von Elektronik: vom Start-up über den Mittelbetrieb bis zum internationalen Konzern, aus der Halbleiterindustrie ebenso wie aus Mobilität, Gesundheit, Energie oder Raumfahrt. Unser Blick ist darauf gerichtet, dass unsere Partner in ihren Unternehmen Gewinne erzielen und dass sie mit unseren Lösungen am Markt wettbewerbsfähig und erfolgreich sind. Vor fünf Jahren haben wir für den Automotive-Bereich einige Projekte mit einer Idee begonnen, die in eine innovative Fertigung umgesetzt wurde. Aus einer Doktorarbeit reifte ein wirtschaftlich relevantes Endprodukt.
Am Standort in Graz gibt es mit dem Validation Lab ein Hightech-Labor, in dem Sensoren und elektronische Systeme unter realitätsnahen und extremen Umweltbedingungen getestet werden. Neben der eigenen Forschung steht das Labor künftig auch Partnern aus Industrie und Wissenschaft zur Verfügung. Können sich somit etwa die TU Graz, Infineon oder AT&S hier einmieten?
CH • Das Validation Lab ermöglicht umfassende Tests unter kontrollierten, realitätsnahen und extremen Umweltbedingungen. Auch damit schaffen wir eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Entwicklung und industrieller Umsetzung. Es ist ein Meilenstein für den Forschungs- und Technologiestandort Österreich. Elektronische Komponenten werden starken Temperaturschwankungen, hoher Luftfeuchtigkeit, mechanischen Belastungen oder Vibrationen ausgesetzt. Neben der eigenen Forschung stellen wir das Labor nicht nur unseren Partnern aus Industrie und Wissenschaft, sondern auch Klein- und Mittelbetrieben zur Verfügung. Es ist als Dienstleistung zu verstehen, von der all jene profitieren, deren Elektroniklösungen auch unter extremen Bedingungen zuverlässig funktionieren müssen. Das gilt im Speziellen für die Ener gietechnik und für die Automobilindustrie bis hin zur Raumfahrt.
IT • Mit dem Labor bieten wir nicht nur einen umfassenden Service, sondern auch unsere interne Entwicklungsarbeit und eine detaillierte Analyse der Geräte selbst an. Um welche Geräte und Projekte es sich dabei handelt, stimmen wir mit unseren Partnern im Vorhinein ab. Dazu zählt etwa die Entwicklung eines Mini-Satelliten gemeinsam mit der TU Graz. Im Labor konnten wir testen, welchen Kräften er ausgesetzt ist, wenn er die Atmosphäre verlässt. Gerade für Klein- und Mittelbetriebe ist das ein großer Vorteil: Sie bekommen Zugang zu einer Testinfrastruktur, die sie allein kaum aufbauen könnten, und bringen ihre Produkte schneller und sicherer zur Marktreife.
„Die Technologie von morgen entsteht heute in unseren Labors. Wir sorgen dafür, dass aus Ideen Impact wird.“
CHRISTINA HIRSCHL
CEO Silicon Austria Labs

Wollen Sie eine Forschungsarbeit aus der Vergangenheit explizit hervorheben?
CH • Grundsätzlich sind wir auf jede Forschungsarbeit stolz, die unsere Partner und den heimischen Standort erfolgreich stärkt. Erwähnenswert ist sicher, dass es uns als SAL gelungen ist, mit der CHAMP-ION Pilotlinie ein Projekt zu koordinieren, das mit einem Volumen von 50 Millionen Euro aus Mitteln der Europäischen Union sowie nationaler kofinanziert wird. Wir vereinen eine Initiative mit 21 Partnern aus Österreich und Europa zu einem branchenübergreifenden Konsortium aus Forschungseinrichtungen, KMU, Industrieunternehmen und Universitäten. Expertisen werden zusammengebracht, um Europas technologische Souveränität im Bereich der Quantentechnologie zu stärken. Der Übergang vom Laborprototyp zur industriellen Serienproduktion erfordert robuste Fertigung und integrierte Lieferketten. Die CHAMP-ION Pilotlinie wird diesen komplexen Prozess begleiten. Darüber hinaus ist SAL an drei weiteren europäischen Quanten-Pilotlinien beteiligt. Das zeigt, welches Vertrauen Europa in unsere Kompetenz setzt.
IT • Das Projekt ist als eine wichtige Investition in Europas künftige Wettbewerbsfähigkeit zu verstehen und schafft neue Chancen für industrielle Innovation, hochwertige Fertigung und resiliente Lieferketten. Ein Projekt wie CHAMP-ION ist unverzichtbar, um Forschung in nachhaltige wirtschaftliche Wertschöpfung zu überführen. Mit Infineon Austria, Alpine Quantum Technologies, der Universität Innsbruck und ParityQC sind starke heimische Partner an Bord. Damit gestaltet Österreich die Quantentechnologie in Europa aktiv mit.
Was unterscheidet SAL von anderen Forschungseinrichtungen?
CH • Unsere klare Spezialisierung: Wir bündeln die gesamte Kompetenz für elektronikbasierte Systeme unter einem Dach, von der Hardware bis zur Soft ware. Im europäischen Vergleich sind wir ein verhältnismäßig kleines Forschungszentrum, aber auch eines der jüngsten. Dennoch sorgen wir immer wieder für absolute Errungenschaften. So ist es der SAL als erster Forschungseinrichtung gelungen, spezielle Hochleistungsschichten für Kommunikationsschnittstellen in der Mikroelektronik zu entwickeln. Unsere Ergebnisse fließen direkt in die Wirtschaft. Sie stärken die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen und tragen dazu bei, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Österreich und Europa zu sichern. Genau dafür gibt es die SAL.

Forschungseinrichtungen sollen wissenschaftlich erfolgreich und zugleich wirtschaft lich funktionieren. Wie gelingt dieser Spagat?
IT • Wie schon gesagt, liegt es in unserer Verantwortung, wirtschaftlich erfolgreich zu agieren. Die Hälfte unserer Mittel kommt von der öffentlichen Hand, die andere von der Industrie. Damit setzen wir Ideen und Lösungen für die Industrie um und entwickeln sie weiter, stärken eine breite Anzahl an Klein- und Mittelbetrieben und fördern die Gründung von Start-ups. Die Ideen unserer Mitarbeiter und Forschenden sind dabei ein unverzichtbares Kapital, das wir an unsere Partner weitergeben.
Der Industriestandort Österreich steht unter Wettbewerbsdruck. Spüren Sie das auch in der Nachfrage nach Forschungskooperationen?
IT • Natürlich macht sich die wirtschaftliche Situation bemerkbar, aber wir konnten bis jetzt die Nachfrage mit neuen Branchen wie etwa aus den Bereichen Health, Aerospace oder Defense kompensieren. Als SAL wollen wir auch in herausfordernden Zeiten unsere Partner mit hochqualitativen Forschungsresultaten unterstützen und begleiten.
Der Industriestandort Österreich steht unter Wettbewerbsdruck. Spüren Sie das auch in der Nachfrage nach Forschungskooperationen?
IT • Natürlich macht sich die wirtschaft liche Situation bemerkbar, aber wir konnten bis jetzt die Nachfrage mit neuen Branchen wie etwa aus den Bereichen Health, Aerospace oder Defense kompensieren. Als SAL wollen wir auch in herausfordernden Zeiten unsere Partner mit hochqualitativen Forschungsresultaten unterstützen und begleiten.
In welchen Bereichen würden Sie die heimische Forschung gegenüber dem Ausland als besonders beurteilen?
CH • Geniale Forschung hängt von genialen Personen ab, und genau hier ist Österreich stark. Wir haben hervorragend ausgebildete Fachkräfte, exzellente Universitäten und eine Industrie, die eng mit der Forschung zusammenarbeitet. Diese kurzen Wege zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sind ein echter Standortvorteil. In der Quantentechnologie zählt Österreich bereits heute zu den führenden Ländern Europas. Andere Weltregionen investieren enorme Summen, etwa in Halbleiterfertigung oder Künstliche Intelligenz. Europa punktet dafür mit Qualität, Verlässlichkeit und hohen Standards. Wenn es uns gelingt, Innovationen noch schneller auf den Markt zu bringen, kann Österreich hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Forschung ist aber auch eine Einstellungssache, bei der es gilt, die Extrameile zu gehen.
Wie sieht die Kompetenzverteilung bei Ihnen aus? Klare Trennung zwischen Wissenschaft und Finanzen oder gibt es Überschneidungen in der Entscheidungsfindung?
IT • Seit eineinhalb Jahren verantworte ich als Geschäftsführerin die wirtschaftlichen Agenden der SAL. Mir ist wichtig, dass das Unternehmen stabil aufgestellt ist und Leistungen für die Wissenschaft erzielt. Wir arbeiten in der Geschäftsführung eng zusammen, bewerten gemeinsam die Projekte und richten sie strategisch aus. Investitionen in Hightech und hochwertige Forschung haben ihren Preis, aber die Projekte müssen sich rechnen.
CH • Dem kann ich nur zustimmen. Unsere Mission muss sich rechnen. Die wirtschaftliche Komponente ist in der Forschungstätigkeit inkludiert. Diese Kombination ist unverzichtbar und letztendlich ist die Umsetzung entscheidend. Wir suchen gemeinsam nach Lösungen, teilen aber auch die Probleme und besprechen diese. Und wir haben viel Freude an unserer Aufgabe.
Foto: Benjamin Gasser






