Wohnen, Verkehr, Gesundheit und Klima: Welche Probleme die nächste Stadtregierung lösen wird müssen, wie es um die Entwicklung der Stadt bestellt ist und was Bürger von ihrer Regierung erwarten: GRAZETTA hat sich umgehört.
Graz ist einzigartig. Und das hat mit dem Zuzug in die Stadt zu tun. „Graz wächst im Vergleich zu anderen österreichischen und internationalen Städten vergleichbarer Größe überproportional stark“, sagt Anke Strüver, Professorin für Humangeographie und Stadtforschung an der Universität Graz. Durchschnittlich 3.500 Personen ziehen pro Jahr zu. Ein Zuzug, der Auswirkungen hat auf zwei heiße Eisen der kommunalen Politik: Auf das Wohnungsangebot und auf den Verkehr. Für die 354.000 Grazer Bürger stehen 220.000 Wohnungen zur Verfügung, 8.400 weitere sind in der Pipeline. Was bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 1,94 Personen zumindest auf dem Papier nach einem guten Verhältnis aussieht. Wie das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage in der Wirklichkeit aussieht, da gehen die Meinungen auseinander. Stadtforscherin Strüver geht von einem doch sehr massiven Leerstand in der Stadt aus: In den Neubauquartieren Reininghaus und Waagner-Biro-Straße standen 2023 30 Prozent der zu diesem Zeitpunkt fertiggestellten Wohnungen leer. Das hat eine Studentin in ihrer Masterarbeit mithilfe von Daten des Melderegisters erhoben. Strüver sieht dafür verschiedene Gründe: „Der angebotene Wohnraum deckt sich nicht mit der Nachfrage“, sagt sie. „Man hat zu kleine Wohnungen gebaut, die für das Anlagekapital attraktiv sind, aber nicht für Menschen. Das ist ein Riesenproblem.“ Ein zweiter Grund für den Leerstand liege an der Infrastruktur, die gerade in neuen Quartieren wie Reininghaus zu wünschen übriglässt. „Mieter oder Käufer hätten eben gerne eine Bäckerei oder ein Café in der Nähe“, erklärt Strüver.

MICHAEL GERSTNER
Uhrmachermeister
MIT DEM HUBSCHRAUBER
Mit der Erreichbarkeit der Innenstadt steht es nicht zum Besten. Das macht kleinen Unternehmen schwer zu schaffen. Eine schwere Pendeluhr zur Reparatur ins Geschäft zu bringen, dafür braucht man ein Auto. Viele Kunden wollen sich das nicht antun. Viele kleine Unternehmen haben in den letzten Jahren deshalb aufgegeben. Will man wirklich, dass aus der Grazer Innenstadt ein Museum wird? Sollen Kunden zukünftig mit dem Hubschrauber in die Stadt kommen? Wir brauchen dringend ein neues Innenstadtkonzept.
Zuzug ist aber auch für das Verkehrsaufkommen in der Stadt relevant. Um zwei Prozent nimmt der Verkehr pro Jahr in der Stadt zu, wie die TU Graz errechnet hat. Hinzu kommt, dass die Stadt mit 256.000 Pendlerfahrten täglich fertigwerden muss, die mehrheitlich mit dem privaten PKW gemacht werden. Es braucht also hochwertige öffentliche Angebote, um die Pendler zum Umsteigen zu bewegen. Eine Antwort auf die Überlastung der Grazer Einfallsrouten ist der sogenannte City-Tunnel. Diese unterirdische Trasse für die S-Bahn soll vom Westen der Stadt über den Jakominiplatz bis zum Ostbahnhof führen. Der vorgeschlagene Tunnel hat eine Länge von etwas mehr als sieben Kilometer und würde rund drei Milliarden Euro kosten, die sich die Stadt mit den ÖBB und dem Bund teilen müsste. Ob dieses Milliardenprojekt angesichts schmaler Budgets gebaut werden kann, oder nicht, feststeht, dass man die von außerhalb der Stadt kommenden Autos möglichst am Stadtrand aufhalten wird müssen. Park & Ride Anlagen sollen dafür ausgebaut werden. Diese Anlagen sind so gut wie die Anbindung an die Öffis. Am besten funktioniert die Anlage beim Murpark mit einer Auslastung von 65 Prozent und einer vergleichsweise guten Anbindung an Bim und Bus. Eine Entlastung des innerstädtischen Verkehrs versprechen sich manche auch von Parkleitsystemen, die mittels App Autofahrern zeigen, wo in der Innenstadt Parkplätze frei sind.

Stadtforscherin Anke Strüver:
„Der angebotene Wohnraum deckt sich nicht mit dem nachgefragten.“
Heiß diskutiert wurde in den vergangenen Monaten das Thema Erreichbarkeit der Innenstadt. Gemeint ist damit meist Erreichbarkeit mit dem Auto. Der Mangel an innerstädtischen Parkplätzen sei schuld daran, dass in der Grazer Innenstadt die Besucherfrequenz zurückgehe. Das betonen Wirtschaftstreibende unisono. Stadtforscherin Strüver führt andere Gründe ins Treffen: „Wir sehen, dass es in Graz ein sehr starkes Suburbanisierungswachstum gibt. Wenn man in Kalsdorf wohnt, wird man nicht unbedingt in die Grazer Innenstadt fahren, wenn man Kleidung beim H&M kaufen will. Da ist die Shoppingcity Seiersberg wahrscheinlich praktischer.“ Für den Einkauf im Shoppingcenter gibt es ihrer Meinung nach ein weiteres Argument, nämlich die günstige und gute Kinderbetreuung. „Das ist für Familien ein wichtiges Argument. Man könnte das auch in der Innenstadt anbieten.“ Was die Debatte über die Frequenz in der Innenstadt kompliziert macht, hat mit der Definition des Begriffs zu tun. Geht es bei der Besucherfrequenz ausschließlich um Personen, die in der Stadt einkaufen oder berücksichtigt man dabei auch andere Nutzer, zum Beispiel Spaziergänger und Menschen, die sich mit Freunden im Caféhaus verabreden. „Vor einhundert Jahren galten die Innenstädte als Begegnungszonen“, erinnert Strüver. „Das ist heute in den Hintergrund gerückt, da könnte man sich durchaus mehr einfallen lassen, um die Frequenz zu erhöhen und das muss nicht unbedingt mit Konsum zu tun haben.“
ANITA ADAMICZEK,
CHRISTINE HIRTL
Geschäftsführung Frauengesundheitszentrum

FRAUEN MITDENKEN
Wir würden uns wünschen, dass die Situation von Frauen und Mädchen
mitgedacht wird: bei Freizeitangeboten, aber auch im öffentlichen Raum.
Sichere und gut beleuchtete Orte in der Stadt zu schaffen, würde das
Sicherheitsgefühl stärken. Wirklich gut fänden wir auch, wenn es in
öffentlichen Einrichtungen der Stadt kostenlose Periodenprodukte geben würde.
Kontrovers diskutiert werden in Graz aber auch Maßnahmen, die mehr Grün in die Stadt bringen und sie so besser an die Erderwärmung anpassen sollen. Jüngstes Beispiel ist die Sanierung des Tummelplatzes. Mehr Bäume und Sitzgelegenheiten sind geplant. Kritiker halten die Investition angesichts der angespannten Budgetlage für verzichtbar. Stadtforscherin Strüver sieht, wenn es um Grünräume geht, große Unterschiede zwischen den Bezirken auf dem linken und dem rechten Murufer. „Die Grünräume in der Stadt sind extrem ungleich verteilt“, betont sie. „Die nächste Stadtregierung sollte sich anschauen, wo Bewohner Grünräume dringender brauchen als andere.“ In ihren Augen geht es dabei aber nicht nur um die Größe der Flächen, sondern auch um deren Strukturierung und um ein vielfältiges Nutzungsangebot, für tobende Kinder, sportbegeisterte Jugendliche und für ruhesuchende ältere Menschen. „Im Augarten ist das gut gelungen, beim Oeverseepark leider noch gar nicht.“ Für Anke Strüver von der Uni Graz gebe es auch für die Bewohner von Gries eine gute Möglichkeit, für sie ein Naherholungsgebiet zu entwickeln, die dem Vergleich mit dem Augarten standhalten könnte: Man müsste nur den Schlachthof absiedeln und aus dem Areal einen Park machen. Aber das dürft e wohl eine Utopie bleiben.

MANUELA FALLY
Geschäftsführerin Allgemeiner Sportverband Österreich, ASVÖ
SPORT ALS
GESELLSCHAFTLICHER WERT
Ich würde mir wünschen, dass die zukünftige Stadtregierung Sport als wichtigen Bestandteil der Gesellschaft versteht, der einen großen Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung und zu sozialem Zusammenhalt leistet. Die Kürzungen im städtischen Sportbudget machen uns als Betreiber einer Sporthalle schwer zu schaffen. Wir stellen diese Sporthalle Schulen und Behinderten-organisationen zu einem sehr günstigen Preis zur Verfügung, zu einem Preis, wie es der Stadt Graz nie möglich wäre. Mit der Förderung der Stadt können wir jedoch die stark gestiegenen Energie- und Personalkosten nicht mehr begleichen.
Fotos: Begsteiger, ASVÖ, Benjamin Gasser, Obergeschwandner, fotolukart Sladjan Jankov






