Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz hat seit 2008 eine Gehörlosenambulanz. Dort werden Menschen, die nicht oder nur kaum hören können, betreut. Dr. Clemens Bleimschein und sein Team beherrschen die österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und können dadurch nicht nur in medizinischen Belangen helfen.
GRAZETTA • Was ist die primäre Aufgabe der Gehörlosenambulanz?
CLEMENS BLEIMSCHEIN • Wir sind in erster Linie der Hausarzt für die gehörlose Bevölkerung in der Steiermark. Wir bieten Vorsorgeuntersuchungen an, behandeln akute und chronische Krankheiten und führen Impfungen durch. In einer normalen Praxis oder Klinik ist die Kommunikation zwischen dem medizinischen Personal und dem gehörlosen Patienten sehr schwierig. Die meisten können zwar Lippenlesen. Tatsächlich werden dabei aber nur rund 30 Prozent der Information verarbeitet. Das Lippenlesen ist außerdem sehr anstrengend. Wenn dann noch medizinische Fachausdrücke verwendet werden, wird es schwer für gehörlose Personen. Außerdem sollte jeder Gehörlose das Recht haben, in seiner Muttersprache behandelt zu werden und das ist meist die ÖGS.

beherrschen alle Mitarbeiter die österreichische Gebärdensprache.
Könnte man die Information nicht einfach aufschreiben?
CB • Die Schriftkompetenz vor allem älterer gehörloser Menschen ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche können sehr gut schreiben und lesen. Zum Teil wird Schriftliches aber nur rudimentär verstanden. Bei der älteren gehörlosen Bevölkerung ist das Bildungsniveau oft basal, weil es früher keine gute Förderung gab und die Lerninhalte meist nicht in ÖGS vermittelt wurden. Sie sind oft im Internat aufgewachsen und es wurde ihnen verboten, in Gebärdensprache zu kommunizieren. Sie sollten Lippenlesen und die Lautsprache sprechen.
Wie läuft ein Besuch in der Gehörlosenambulanz ab?
CB • Wie in jeder Praxis, nur mit dem Unterschied, dass unser gesamtes Team die österreichische Gebärdensprache beherrscht. Sollte ein Patient in eine andere Ambulanz hier im Haus überwiesen werden, wird er von einer unserer Dolmetscherinnen begleitet. Auch bei einer stationären Aufnahme und der täglichen Visite ist immer eine diplomierte Pflegekraft aus unserem Team dabei.

„Wir betreuen rund
800 Patienten in der Gehörlosenambulanz.“
DR. CLEMENS BLEIMSCHEIN
Leiter der Gehörlosenambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz
Wie viele Patienten betreuen Sie?
CB • Es sind rund 800 Patienten. Da die Gehörlosenambulanz Graz nahezu ein Alleinstellungsmerkmal im Süden Österreichs hat, ist unser Einzugsgebiet sehr groß. Es gibt noch eine Gehörlosenambulanz in Klagenfurt. Diese hat aber nur einmal in der Woche geöffnet. Wir haben auch Patienten aus Slowenien, Ungarn und ukrainische Flüchtlinge. Außerdem betreuen wir Kinder ab dem Volksschulalter. Teilweise auch hörende Kinder von gehörlosen Eltern.
Sie haben auch Sozialarbeiter und Psychologen im Team. Was sind deren Aufgaben?
CB • Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Unsere Sozialarbeiterinnen beraten und unterstützen bei Organisatorischem. Sie helfen zum Beispiel Anträge für Pflegegeld, Hauskrankenpflege oder Rehabilitation zu stellen. Die psychologische und psychotherapeutische Unterstützung ist ein ganz wichtiger Aspekt in der Ambulanz. Wir helfen bei psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, aber auch in schwierigen Lebenssituationen und Krisen. Oft gibt es Traumata aus der Kindheit, die erst Jahre später ans Licht kommen. Ich bin daher sehr froh, eine Psychotherapeutin, eine klinische Psychologin und eine Maltherapeutin im Team zu haben.
Sie bieten auch Schulungen für Patienten mit Bluthochdruck und Diabetes an. Warum ist das wichtig?
CB • Für die hörende Bevölkerung ist vieles selbstverständlich. Man bekommt im Laufe des Lebens mit, wie ein möglichst gesunder Lebensstil aussieht, oder weiß zumindest, worauf man achten sollte. Gerade bei der Diabetes-Schulung geht es darum, Gehörlosen zu vermitteln, wie sie ihre Krankheit selbst kontrollieren und behandeln können. Oft reicht es schon aus, die Ess- und Lebensgewohnheiten zu ändern, um lange Zeit ohne Insulin auszukommen. Um dieses Wissen weiterzugeben, braucht es in erster Linie viel Zeit und Verständnis.

der gehörlosen Patienten wird eingegangen.
Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
CB • Wir sind aktuell in der Planung für einen mobilen Dienst, der in der ganzen Steiermark Gehörlose besucht, die nicht die Möglichkeit haben, zu uns in Krankenhaus zu kommen. Das Konzept haben wir unserer Ärztlichen Direktorin Primaria Dr. Mariana Stettin vorgelegt. Was noch fehlt, sind ein Sozialbetreuer und eine diplomierte Pflegeperson, die die Patienten im häuslichen Umfeld besuchen. Es bräuchte auch eine Förderung durch das Land Steiermark.
Es ist mein großes Anliegen, dass auf die Bedürfnisse gehörloser Menschen im Gesundheitseinrichtungen besser eingegangen wird. Sie neigen nämlich dazu, zu nicken, auch wenn sie etwas nicht verstanden haben. Ende November werde ich auf dem Allgemeinmedizinkongress einen Vortrag mit Mag. Christian Stalzer vom Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Uni Graz halten. Das Thema wird der Umgang mit hörbeeinträchtigten Personen in der Allgemeinmedizinpraxis sein.
Fotos: Benjamin Gasser; Werbung






