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Die Hageljäger

Was Piloten gegen Hagel ausrichten können und warum man dazu Bierfässer braucht, erklären steirische Hageljäger beim Lokalaugenschein am Grazer Flughafen.
Gewitterwolken aus der Perspektive des Hagelpiloten.

Auf dem Monitor von Birgit Oberwalder leuchten dunkelrote und lilafarbene Flecken auf. Es sind Radarbilder von Gewitterwolken. Je dunkler die Farbe, um so schwerer sind die Wolken beladen mit Regen, aber möglicherweise auch mit Hagel. Seit 25 Jahren ist Oberwalder für die Einsatzleitung der Hagelabwehrpiloten von Südflug zuständig. An ihrem Arbeitsplatz am Flughafen von Graz dirigiert sie den Einsatz von drei Piloten und entscheidet, wann sie abheben und wohin sie fliegen. „Birgit hat 25 Jahre Erfahrung und ein unglaubliches Gespür für das Wetter“, sagt Chefpilot Karl Schönberg. Gespür braucht sie, weil die Hagelbekämpfung keine exakte Wissenschaft ist. Ganz im Gegensatz zu den Entstehungsbedingungen von Hagel: Wie aus Wasserdampf Hagelkörner werden, erklärt Georg Pistotnik von der Abteilung für Klimafolgen Forschung der GeoSphere Austria so: „Mit den Aufwinden in einer Gewitterwolke gelangt Feuchtigkeit in sehr große Höhen. Gewitterwolken sind zehn, zwölf Kilometer hoch. Bei Temperaturen unter minus zehn Grad Celsius gefrieren die Wassertröpfchen. Aber diese Tröpfchen müssen sich an sogenannte Gefrierkerne, kleine Partikel wie Staub oder Aerosole anlagern können.“ Je instabiler die Luftschichtung, umso stärker sind die Aufwinde und umso wahrscheinlicher ist es, dass sich Hagel bildet. Einfluss hat auch die Stärke der Höhenwinde „Aufgrund dieser Faktoren können wir relativ gut vorhersagen, ob sich Hagel bilden wird und wie groß die Körner sein können“, sagt Pistotnik. Wo der Hagel allerdings niedergeht, das sei sehr schwer vorherzusagen.

Und hier kommt die Erfahrung und das Können der Hagelabwehrpiloten ins Spiel. Denn genau genommen sorgen die Hagelpiloten dafür, dass sich Hagelkörner bilden. Mit seiner Cessna fliegt Karl Schönberg in den Aufwindbereich der Gewitterwolke und „impft“ sie mit einer Mischung aus Silberjodid und Aceton. „Durch die Verbrennung setzen wir viele Gefrierkerne frei, damit sich viele kleine Hagelkörner bilden können“, erklärt er. „Es geht also darum, damit die Entstehung von großen Hagelkörnern zu verhindern.“ Die kleinen, wendigen Cessnas sind an der Außenseite des Rumpfes mit Generatoren ausgestattet, die den „Impfstoff“, das Silberjodid-Aceton-Gemisch, abfeuern. Weil das Gemisch unter Druck stehen muss, hat man lange nach einem geeigneten Transportbehälter gesucht. „Da ist man auf Bierfässer gekommen“, berichtet der ausgebildete Maschinenbauer und Pilot Schönberg. Und seither fliegen die Südflug-Hagelbomber mit einem oder mit zwei Fässern der Villacher Brauerei an Bord.

Das Team der Hailfighter Südflug: (v.l.) Pilot Albert Neumeister, Geschäftsführerin Linda  Golob,
Pilot Angelo Konrad, Einsatzleiterin  Birgit Oberwalder und Chefpilot Karl Schönberg.

Dass man mit der Silberjodid-Mischung Gefrierkerne und damit kleine Hagelkörner erzeugen kann, lässt sich wissenschaft lich im Labor gut nachweisen. Das bestätigt Georg Pistotnik von der GeoSphere. Ob das auch in mehreren Kilometer hohen Gewittertürmen noch funktioniert, lässt sich da schon viel schwerer belegen. Helmut Paulitsch vom Institut für Hochfrequenztechnik an der TU Graz sammelt Wetterund Einsatzdaten der Piloten. „Wir können im Nachhinein zeigen, wo die Unwetter niedergegangen sind und wo die Piloten geflogen sind“, sagt er. Aus seinen Aufzeichnungen kann er also ableiten, ob der Einsatz der Piloten sinnvoll war. Auch Harald Eitner, Leiter der Fachabteilung Katastrophenschutz des Landes, räumt ein, dass ein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit dieser Form der Hagelbekämpfung außerhalb des Labors unmöglich ist. „In der Natur gibt es keine zwei identischen Versuchsanordnungen. Deshalb wird es einen letztgültigen Beweis nicht geben.“ Eitner und Paulitsch sind aufgrund der statistischen Daten von der Wirksamkeit der Hagelabwehrflüge überzeugt.

Harald Eitner,
Leiter der Fachabteilung Katastrophenschutz des Landes Steiermark.

In der Steiermark sind es die Gemeinde, die die Hagelbekämpfung finanzieren. Zwei Fliegerstaffeln teilen sich die Aufträge: Die Genossenschaft Steirische Hagelabwehr und das kommerzielle Unternehmen Südflug. Beide Einrichtungen gibt es seit vielen Jahrzehnten. Auch deshalb, weil es in der Steiermark besonders oft hagelt. Eine Gefahr, die durch die Erderhitzung zunehmen wird. „Unsere Klimamodelle weisen eine Zunahme von zwischen 20 und 30 Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts aus“, sagt Georg Pistotnik von GeoSphere.

„Wärmere Luft bindet mehr Wasserdampf und Wasserdampf ist der Treibstoff der Gewitterwolke. Damit werden die Aufwinde in der Gewitterwolke stärker, größere Hagelkörner können transportiert werden.“ Auch Eitner rechnet damit, dass der Klimawandel zu mehr Großschadensereignissen führen wird „2024 war ein Extremjahr für die Steiermark“, sagt er und erinnert an den Waldbrand in Wildalpen zu Ostern, der erst nach drei Wochen gelöscht werden konnte.

Gewitterwolken zu bekämpfen, versuchen Menschen seit vielen Jahrhunderten: mit Wetterläuten, geweihten Wetterkerzen und mit Raketen, die man in die Wolken geschossen hat. „1955 ist über der Gemeinde Deutschfeistritz ein besonders schweres Hagelunwetter niedergegangen. Noch im selben Jahr wurde die Hagelabwehrgenossenschaft gegründet“, erzählt deren Obmann Josef Mündler. Bekämpft wurde der Hagel damals noch mit Raketen auf mehreren hundert Abschussstationen. Die mit Silberjodid bestückten Raketen erreichten eine Höhe von gerade einmal 1.000 Meter und waren dementsprechend wenig wirksam. 20 Jahre später diskutierten die Genossenschafter, ob es nicht möglich wäre, Flugzeuge einzusetzen. Immerhin waren die Langenloiser Weinbauern 1977 schon auf ein Flugzeug umgestiegen. „Auf einem einmotorigen Leichtflugzeug, einer Cessna, hat man zwei spezielle Generatoren montiert, mit denen 15 Liter Silberjodid-Lösung verbrannt werden konnte“, erinnert sich Mündler. Bis man allerdings auch in der Steiermark soweit war, sollte es noch ein paar Jahre dauern. Die Initiative kam aus dem Südosten des Landes. Bürgermeister von Bad Radkersburg und Umgebung hatten den Kärntner Unternehmer und Piloten Walter Golob mit der Hagelabwehr beauftragt. Ab 1982 flog Golob von Graz Thalerhof aus den Gewittern hinterher. Sein Unternehmen Südflug leitet heute Golobs Enkelin Linda. Südflug und die Steirische Hagelabwehrgenossenschaft sind Konkurrenten auf dem steirischen Markt. Für die Hagelabwehr fliegen Ehrenamtliche mit Privatpilotenschein, für die Südflug Berufspiloten mit High Risk Lizenz. „Wir sind die einzigen, die mit dieser Lizenz fliegen“, betont Schönberg stolz.

Blick aus dem Cockpit: Generatoren verbrennen Silberjodid-Lösung vor der Gewitterwolke.

Transport im Bierfass: Die Silberjodid-Mischung der Hagelbekämpfung.

Dass die Hagelabwehr trotz der spektakulären Aussicht aus dem Cockpit nicht übermäßig gefährlich ist, betonen alle Piloten. Tatsächlich hat es seit den 1980er Jahren nur einen einzigen schweren Unfall gegeben, bei dem ein Flugzeug der Genossenschaft notlanden und die beide Insassen schwer verletzt wurden. Was aber für alle Piloten gilt, ist die Bereitschaft , sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Die Piloten der Genossenschaft arbeiten ehrenamtlich, ihre Kollegen von Südflug sind Berufspiloten. „Die Hagelbekämpfung ist ein Nischenbusiness“, sagt Linda Golob, Geschäftsführerin von Südflug. Und kein Geschäft, mit dem man reich werden kann, könnte man ergänzen. 40.000 Euro gibt die Stadt Graz für die Hagelabwehr pro Jahr aus. Dem stehen Kosten von 1.200 Euro pro Flugzeug und Stunde gegenüber. Für Golob ist die Hagelabwehr eine Herzensangelegenheit und ein Dienst an der Allgemeinheit. Beide Organisationen werden sich im Herbst um den Auftrag der Landeshauptstadt bemühen. Gilbert Sandner, für Sicherheitsmanagement und Bevölkerungsschutz in der Stadt Graz zuständig, wird im Herbst ein neues Ausschreibungsverfahren starten.

Einsatzleiterin Birgit Oberwalder: „Unglaubliches Gespür für Wetter.“

Fotos: Karl Schönberg, Benjamin Gasser, Land Steiermark

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