Der Countdown läuft: In vier Wochen muss man Geschenke-technisch auf der Zielgeraden sein. Worauf es beim Schenken ankommt, welche Tipps Profis auf Lager haben, GRAZETTA hat sich umgehört.
Schenken sei so alt wie die Menschheit selbst. Das sagt zumindest Agnes Anna Jarosch, Leiterin des Deutschen Knigge-Rats und als solche Koryphäe in Fragen des guten Benehmens. Ihrer Meinung nach ist es jedem Menschen ein Anliegen, andere glücklich zu machen und damit die Beziehung zueinander zu stärken. Schenken ist also ein zutiefst sozialer Akt, er drückt Zuneigung aus, kann aber auch für Anerkennung oder Dankbarkeit stehen. Anthropologen gehen davon aus, dass man in primitiven Gesellschaften vor tausenden von Jahren mit Geschenken Konflikte entschärft hat. Man macht dem feindlichen Clan ein Geschenk, damit man von ihm nicht angegriffen wird. Geschenken kann aber auch eine immens zerstörerische Kraft innewohnen. Man denke nur an das Danaergeschenk, also das verheerende Geschenk, das der griechische Held Odysseus seinen trojanischen Gegnern in Gestalt eines hölzernen Pferdes gemacht hat. Die nichtsahnenden Trojaner haben das Pferd in ihre Stadt gebracht und gefeiert. Bis in der Nacht die im Bauch versteckten Krieger der Stadt und ihren Verteidigern den Garaus gemacht haben.


BEATRIZ SILVA
Betriebsleiterin und Partnerin Pink Elephant
Beim Schenken kann also einiges schief gehen, auch dann, wenn man nicht wie Odysseus vorhat, mit dem Geschenk den Beschenkten den Garaus zu machen. Mit einem Geschenk kann man trotzdem fest danebenhauen. Indem sich zum Beispiel hinter dem Geschenk Kritik am Beschenkten herauslesen lässt. Ratgeber in Buchform über erfolgreiches Abnehmen zum Beispiel. Man kann mit einem Geschenk auch über die Stränge schlagen, indem man maßlos übertreibt und ein so teures Präsent übergibt, das den Beschenkten in Verlegenheit bringt. Das gleiche gilt selbstverständlich auch im umgekehrten Fall. Wird beim Geschenk dermaßen geknausert, sagt man damit dem Beschenkten, dass er einem nicht mehr wert ist.
Schenken bedeutet für mich, Mitmenschen eine Freude zu machen. Ich habe ein kleines Heft, in das ich mir aufschreibe, wenn jemand unter dem Jahr einen Wunsch äußert, oder Interesse an etwas zeigt. Geschenke müssen immer persönlich sein, das muss nichts Großes oder Teures sein.
FELICITAS GOLLNER
Verkäuferin Ferdinand Haller

Tunlichst zu vermeiden sind auch Geschenke, die eigentlich keine sind. Wie viele Kinder haben vor ein paar Jahrzehnten noch zu Weihnachten eine warme Winterjacke bekommen oder zum Geburtstag ein paar neue Schuhe. Man hat also aus Notwendigkeiten Geschenke gemacht. Dabei sollte ein Geschenk eigentlich das Gegenteil von etwas notwendigem sein. Es sollte ein bisschen Luxus sein, ein bisschen überflüssig, etwas, das der Beschenkte wohl selbst niemals kaufen würde. „Das wahre Schenken ist die Imagination des Glücks des Beschenkten“, so hat es der Philosoph Theodor W. Adorno auf den Punkt gebracht. Ein Geschenk will also gut überlegt sein. Geschenke haben zwar die gleiche Funktion wie vor tausenden Jahren, aber sie sind heute ritualisiert. Man könnte auch sagen, sie sind losgelöst von ihrer sozialen Funktion.

ELDIN HODZI
Schmuck- und Uhrenexperte
Wenn wir heute vor Weihnachten, vor Geburtstagen oder besonderer Jubiläen aufb rechen, um ein Geschenk zu ergattern, folgen wir gesellschaftlichen Usancen, denen man sich nur schwer entziehen kann. Es sei denn, man macht sich das aus: „Wir schenken uns heuer zu Weihnachten nichts.“ Wer ehrlich ist, wird wissen, dass diese Schenkabstinenz immer etwas Unangenehmes hat. Ist man zu faul, um sich etwas einfallen zu lassen? Die Ausrede, „wir haben doch schon alles, was wir brauchen“, heißt ja nichts anderes, dass es beim Schenken nicht um das Befriedigen von Bedürfnissen geht, sondern darum, dem Beschenkten eine Freude zu machen.

GERALD SIFKOVITZ
Mitarbeiter Jeremy’s
Fotos: Benjamin Gasser






